Gesellschaft

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Muslimische weibliche Gelehrsamkeit

Viele Frauen prägten die muslimische weibliche Gelehrsamkeit. Doch waren sie deswegen auch Feministinnen? Allzu schnell werden westliche Konzepte muslimischem Schaffen überstülpt – dennoch lohnt es sich, den Koran als Inspiration für eine gendergerechte Theologie zu sehen. Ein Versuch, Wege zu entkolonialisierten Islam-Verständnissen aufzuzeigen.

Die muslimische Geschichte brachte viele bedeutende weibliche Gelehrte hervor, besonders auch was die formative Phase des Islams, also grob zugeordnet das erste Jahrhundert nach Hidschra (7. Jh. n. Chr.) betrifft. So etwa Amrah bint Abdur Rahman, die eine Juristin und Hadith-Expertin war. Sie korrigierte Richter in ihren Entscheidungen, wenn sie befand, dass diese auf falscher juristischer Grundlage ihr Urteil gefällt haben sollten. Ein Beispiel dafür ist in der Sammlung des berühmten Mālik ibn Anas, dem Gründer der mālikitischen Rechtsschule, zu finden. Auch Rābiʿa al-ʿAdawiyya ist als legendäre muslimische Mystikerin bekannt. Sie gilt als eine der ersten einflussreichen Frauen, welche die Liebe und Freundschaft zu Gott lehrten. Sie prägte den Sufismus maßgeblich.

Eine weitere Gelehrte Umm Darda lehrte sowohl in Damaskus in der großen Umayyaden-Moschee als auch in Jerusalem. Sie lehrte Imame, Juristen und Hadith-Gelehrte, unter anderem auch den Kalifen Abdul Malik b. Marwan. Diesem wird nachgesagt, dass er ihr ohne irgendwelche Vorbehalte half und sie unterstützte.

Karima bint Ahmad b. Muhammad b. Hatim al-Marwaziyya, die in Mekka im zehnten bis elften Jahrhundert lebte, war eine Bukhari-Expertin und nach heutigem Verständnis Hadith- und Rechtswissenschaftlerin. Sie spielte eine wichtige Figur in der Futuwwa-Bewegung der Frauen, die von Khadidscha al-Dschahniyya als Antwort auf die männliche Futuwwa-Gesellschaft gegründet wurde. Am Ende ihres hundertjährigen Lebens galt sie als renommierte Lehrerin und Gelehrte.

Die als Großgelehrten betrachteten Männer der früheren Zeit wurden also durch Frauen unterrichtet. Sie verdanken ihr Wissen unter anderem diesen Frauen.

Dieser Umstand zieht sich immer wieder durch die muslimische Geschichte. Frauen wie Hafsah spielten bei der Zusammenstellung des Korans eine wichtige Rolle. Im achten Jahrhundert nach Hidschra (14. Jh. n. Chr.) lebte Fatima bint Ibrahim b. Jowhar. Sie ist eine Lehrerin beider Imame Dhahabi und Subqi, die bei ihr die Hadith-Sammlung Bukhari studierten. Sie lehrte ebenfalls in der Prophetenmoschee in Medina. Aischa bint Abdul Hadi lehrte ebenso zur Sammlung Bukharis in der großen Moschee in Damaskus. Kein geringerer als Ibn Hadschar Al-Asqalani, für viele Sunniten eine Koryphäe unter den Experten zu Bukharis Sammlung, studierte bei ihr zahlreiche Bücher.

Sukayna schloss ihre eigenen Eheverträge

Ein Beispiel aus der muslimischen Geschichte sticht für mich besonders heraus: Sukayna (671-737). Die Urenkelin des Propheten ist ein Symbol für den Widerstand von Frauen in der Anfangszeit des Islams gegen das Patriarchat. Als Tochter einer Poetin erhielt sie die Bezeichnung «Barza», also eine Person, die sich weigert den Schleier zu tragen.

Als gebildete muslimische Gelehrte traf sie Männer hohen politischen oder wissenschaftlichen Ranges und diskutierte mit ihnen über religiöse, juristische und politische Angelegenheiten. Sie empfing bei sich zuhause auch Männer. Sukayna schloss ihre eigenen Eheverträge. Darin verlangte sie, dass sie ihrem Mann weder gehorchen müsse noch dessen Recht zur Polygynie anerkenne. Sie zögerte auch nicht, ihre Ehemänner für deren Untreue vor Gericht zu bringen. Sie liebte Kunst wie Musik und förderte DichterInnen wie auch SängerInnen.

Viele männliche Gelehrte verdanken ihr Wissen den gebildeten Frauen

Diese und unzählige weitere ungenannten Ereignisse belegen eindeutig, dass Frauen bereits früh in den wichtigsten Moscheen und an den wichtigsten Plätzen den männlichen Großgelehrten maßgeblich zu ihrem heutigen Ruhm verhalfen. Der aktuelle Zustand ist in vielen Moscheen hingegen eher mitleiderregend. Nicht wenige Gelehrte diskutieren darüber, ob Frauen überhaupt fürs Gebet zur Moschee kommen dürfen!

Leider sind viele muslimische Gläubige unwissend, was das eigene muslimische Erbe betrifft. Viele Strömungen behaupten, sie kehrten zurück zur Essenz und Tradition des frühen Islams. Doch sie zeigen durch ihre Haltung auf, dass sie durch diese erst im Laufe der Jahrhunderte aufgekommene Einstellung von der Tradition und der Praxis der früheren Generationen abweichen.

Nicht selten behaupten zeitgenössische Gelehrte wie auch Moscheegänger aufgrund gewisser dem Propheten unzulässig zugeschriebenen Hadithe (z.B. Abu Dawud 4679, andere Nr. je nach Ausgabe), dass der Intellekt einer Frau dem eines Mannes unterlegen sei. Früher fragten Gelehrte gebildete Frauen nach ihren Meinungen, bevor sie sich ein umfangreiches Urteil bildeten. Natürlich gab es auch Meinungsverschiedenheiten. Jedoch gehörten Bescheidenheit und Offenheit für Wissen – ohne dabei zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden – bei den meisten Gelehrten zum wissenschaftlichen Usus.

Der Beitrag von Frauen zur vergangenen islamischen weiblichen Gelehrsamkeit ist eindeutig enorm. Dieser hatte wiederum Einfluss auf das Selbstverständnis der damals lebenden Frauen und deren Gelehrsamkeit. Nicht minder wichtig sind deshalb die zeitgenössischen Gelehrten. Namen wie etwa Amina Wadud, Riffat Hassan, Asma Lamrabet, Asma Barlas, Kecia Ali, Sa’diyya Shaikh oder Fatima Mernissi gehören mittlerweile zu den bekannteren im Feld der islamischen Studien und viele weitere könnten wir hier noch anführen.

Problematik kolonialistisch-eurozentrischer Diskurse

Im Jahre 1916 schrieb der Orientalist Dr. Max Horten im Vorwort seiner Übersetzung Muhammedanische Glaubenslehre – Die Katechismen des Fudali und Sanusi:

Manche Europäer brüsten sich mit einigen Kenntnissen äußerer Formen des Islam und treten dann dem Orientalen mit dem Selbstbewusstsein gegenüber, Sinn und Geist seiner Religion verstanden zu haben. In diesem Gebaren mancher Europäer liegt eine schwere Verletzung des Ehrgefühls und des religiösen Bewusstseins des Muslim. Er, wenn er auch nur ein Halbgebildeter ist, hat ein tieferes Verständnis der Lehre (Dogmatik und Moral seiner Religion), als der oberflächlich gebildete Europäer auch nur zu begreifen imstande ist. Er empfindet, dass der Europäer von den vielfach so großzügigen Gedanken der islamischen Religion auch nicht den Schatten eines Verständnisses hat und in Ermangelung eines solchen glaubt, der Islam bestehe aus nichts anderem als kultischen Äußerlichkeiten und Ähnlichem.

Hortens Worte sind auch heute noch aktuell, leider mit zusätzlichen Themenfeldern wie dem Vorwurf des fehlenden Feminismus, der angeblich noch nötigen Aufklärung und unaufhörlichen Aufforderungen nach Reformen des Islams zu «moderaten» Strömungen. Dies ist ein vor allem eurozentrischer Blick, der dem kolonialen sowie imperialen Denken entspringt und so nur kurzsichtig bleiben kann. Wann haben wir in der Gesellschaft das letzte Mal die Forderung nach modernen oder progressiven christlichen Strömungen breit diskutiert? Aber auch Hortens Worte sind zu vereinfachend und teilweise vereinnahmend.

Ebenfalls dürfen wir christlich-theologisch geprägte oder eurozentrische Begriffe wie «Gottesstaat», «heiliger Krieg», «liberal», «säkular», «Aufklärung» oder «reformiert» nicht einfach mit Begrifflichkeiten anderer Religionen gleichsetzen. Schon der Ausdruck Religion entspricht nicht dem arabischen Wort Dîn. Dîn bedeutet je nach Kontext eher eine freiwillige Hingabe oder auch schuldmäßige Verpflichtung zu einer friedfertigen Lebensweise oder Lebensordnung. Jede Religion hat ihren eigenen Wortschatz. Wir erzeugen einen verzerrten Blick, wenn wir das eigene religiöse, kulturelle Vokabular für eine andere Religion voraussetzen. Ein Kalifat ist zum Beispiel nicht ein «Gottesstaat». Dschihād ist mit Engagement zu übersetzen anstelle eines «heiligen Krieges» und in vielfältigen Bedeutungsnuancen zu differenzieren!

Gerade auch Vorstellungen von Reinheit, Sexualität und Schönheit haben sich kulturell gegenseitig beeinflusst. Viele als religiös gedachte Meinungen wie eine Homosexuellenfeindlichkeit in der heutigen Form oder Moralvorstellungen zur Sexualität widerspiegeln eher eine viktorianisch-christliche Haltung, die sich in vielen muslimischen Gesellschaften durchsetzte und die gläubige Menschen übernahmen, als eine traditionell religiöse.

Der sogenannte weiße Feminismus

Nicht wenige muslimische weibliche Gelehrte distanzieren sich deshalb vom Begriff des «Feminismus». Sie sehen darin eine eingeschränkte und nicht selbstreflexive Weltanschauung bzgl. der Frauen. Es ist schlicht unmöglich diese unter dem Begriff «feministisch-islamische Studien» oder andere ähnliche Wortgebilde zusammenzufassen. Dieser Feminismus steht für gewisse dieser Frauen im Allgemeinen für die Befreiung eines Typs von Frau: die weisse Frau aus der Mittelschicht – der sogenannte weiße Feminismus.

Dies betrifft auch andere Lebensbereiche, die von Klassismus wie auch Rassismus betroffen sind. So sind nun weitere Feminismen entstanden, die PoC (People of Color), queere oder marginalisierte Frauengruppen als weitere wesentliche Basis nehmen. Dadurch entstehen entkolonialisierte Feminismen. Sie sind darum bemüht, den imperialistisch orientierten Perspektiven auf gesellschaftliche Zusammenhänge bessere Modelle gegenüberzustellen. Diese berücksichtigen zudem die Intersektionalität.

Typischer Streitpunkt: Tragen des Schleiers

Nehmen wir das Tragen des Schleiers als Beispiel. Der weiße Feminismus betrachtet den Schleier als eine Unterdrückung und die Frau muss teils missionarisch drauf hingewiesen und befreit werden, damit sie ihre Haut und Haare zeigen kann. Ein entkolonialisierter Feminismus vertritt die Position, dass wenn sich eine Frau aus freien Stücken verschleiert, sie feministisch und eben nicht unterdrückt ist; sie entscheidet sich aus eigener Handlungskompetenz heraus für ihr Kopftuch. Erst wenn sie tatsächlich gezwungen wird, aus welchen Gründen auch immer, ist sie als unterdrückt zu betrachten.

Auch frühere weibliche Gelehrte zeitversetzt als «Feministinnen» zu bezeichnen, wie etwa das Beispiel Sukaynas weiter oben, zeigt einen Mangel an Verständnis über kulturellen Kontext. Sie als Beispiel anzuführen und zu verlangen, dass alle Frauen wie Sukayna sein müssten, um als Feministin zu gelten, wäre wiederum ein kolonialistisches, anachronistisches Denken und stelle ein großes Missverständnis Sukaynas und ihrer Motive dar.

Den islamischen Feminismus neu definieren

Andererseits gibt es wiederum viele, die den Begriff des islamischen Feminismus für sich neu definieren und bewusst beanspruchen. Persönlich kenne ich viele Musliminnen, die sich auch bewusst Feministinnen nennen. Auch gibt Versuche neue Begriffe zu definieren und zu verwenden. Es geht für mich schließlich darum, dass wir lernen Begriffe nicht trennend, sondern einigend zu verwenden. Gott möchte von uns Einheit in der Vielfalt (Koranverse 3:102-105, 6:159, 11:118-119, 42:8). Lila Abu-Lughod ruft in ihrem Aufsatz zu einem differenzierten Vorgehen auf:

«Ich argumentiere, dass wir stattdessen eine ernsthafte Wertschätzung der Unterschiede unter den Frauen dieser Welt entwickeln – als Ergebnis unterschiedlicher Geschichten, Erscheinungen verschiedener Umstände und Ausdrucksformen andersartig strukturierter Wünsche.»

Do Muslim Women Really Need Saving?

Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass nur europäische Geistliche und Philosophien schuld an den Miseren wären. Es gibt viele muslimische Gelehrte, die eindeutig sehr frauen- oder sexualitätsfeindlich waren, etwa die berühmten Gelehrten As-Sarachsi oder Ibn Dschawzi. Wichtig ist hierbei jedoch, dass die muslimische Gelehrsamkeit im Generellen lange eine Kultur der Ambiguität pflegte und viele Positionen gleichzeitig diskutierten. Diese Pluralität und Mehrdeutigkeit gingen durch die Moderne leider verloren, indem westliche Narrative der Suche nach Eindeutigkeit ebenfalls übernommen wurden. In jüngster Zeit sind glücklicherweise Aufbrüche zu mehr Ambiguität in europäischen Diskursen zu beobachten.

Koran als Inspiration für eine gendergerechte Theologie

Viele argumentieren, dass der Koran eine Inspiration für eine gendergerechte Theologie bietet. Dieser Überzeugung bin ich auch. Jedoch müssen wir dazu den Koran in seinem historischen, sowie altarabisch-sprachlichen Kontext verorten. So können wir dann aus dem Text ableiten, dass Partner ihre Beziehung auf Augenhöhe zu pflegen haben (Koranverse 2:187, 9:71, 24:26) und vor Gott die Geschlechter und ihre Taten generell gleichwertig sind (33:35, 3:195, 16:97). Partner sollen Ruhe beieinander finden können (30:21).

Unsere Gesellschaft funktioniert also besser, wenn nicht die Geschlechter untereinander im Fokus stehen, sondern, wenn wir Ruhe anbieten und aufrechterhalten können auf materieller, psycho-sozialer und individueller Ebene. Anders und vereinfacht gesagt müssen wir psychische und gesellschaftliche Sicherheit fördern.

Auch zahlenmäßig kommen Mann und Frau gleich oft vor im Koran, nämlich jeweils 24 Mal. Die Frau entsteht nicht aus den Rippen Adams, sondern alle Menschenkinder teilen sich denselben seelischen Ursprung:

Er schuf euch aus einer einzigen Seele (nafs), hierauf machte Er aus ihr ihr Partnerwesen.

4:1, 39:6

Solche Verse können so gedeutet werden, dass sämtliche Geschlechter gleichzeitig erschaffen wurden und nicht erst nacheinander. Nicht zuletzt deshalb besitzen alle dieselbe Menschenwürde als Kinder Adams, ungeachtet ihrer Taten (17:70). Ich bin würdig und würdevoll, aus dem einfachen Grund, dass ich als Geschöpf Gottes existiere. Ich muss nicht erst meine Würde beweisen.

Der Koran zugunsten der Frauen

Teilweise gibt es Unterschiede im Koran, die zugunsten der Frauen ausfallen. So hat die Frau beim Vorwurf des Ehebruchs oder der Unzucht das letzte Wort (vgl. Sura 24). Eine ähnliche Regelung gibt es nicht für Männer. Ebenfalls wird das Königtum im Koran negativ umschrieben (27:34), aber die positive Ausnahme bildet die Königin von Saba selbst. Sie wählte entgegen dem Vorschlag ihrer Berater nicht den Weg des Krieges und der Konfrontation. Der Weg des Friedens und Dialogs war ihr Weg (27:35). Sie zeigte sich standhaft, weise, reflektiert und einsichtig in gegenseitiger Übereinkunft mit dem Propheten Salomo (27:44).

Frauen wie Maria oder auch die Frau des tyrannischen und despotischen Pharaos werden als besonders rechtschaffene Gläubige beschrieben (66:11-12). Auch die Frauen des Propheten Muhammad sind nicht zu vergessen, die als Mütter der Gläubigen und somit unmittelbar als Vorbilder für alle hochgehalten werden (33:6). Individuelle Unterschiede sind keine Defizite, sondern eine Erscheinung des Menschseins an sich und als solche sind sie zu feiern und zu pflegen (49:13).

Spirituelle Räume rückerobern

Zusammengefasst gibt es also mindestens drei Ebenen, die eine große Rolle spielen. Die erste ist die Bildungs- und Aufklärungsarbeit über das muslimisch kulturelle Erbe. Die zweite Ebene ist die Entkolonialisierung der Diskurse, sodass ein ambiger, pluraler Meinungsaustausch entstehen kann. Dieser kann dann wiederum alle bereichern und berücksichtigt nicht nur eine ausgewählte Gruppe. Dabei müssen auch marginalisierte Gruppen darauf achten, dass sie nicht ihre eigene Perspektive stellvertretend zum «Feminismus» oder zum einzig gültigen Ausgangspunkt erklären oder unbewusst voraussetzen. Die dritte und nicht abschließende Herausforderung wird sein, weibliche Gelehrsamkeit in allen Bereichen wiederherzustellen und auszubauen: Imaminnen und Vorbeterinnen, Koranexegetinnen, Scharia- und Hadith-Expertinnen, Seelsorgerinnen, Theologinnen, Islamwissenschaftlerinnen, Rezitatorinnen, Ritualbegleiterinnen, Historikerinnen, Kulturschaffende in Musik, Poesie wie Literatur und darstellende Künste, Jugendarbeiterinnen und viele mehr.

Dies erfordert unter anderem die Sichtbarmachung all dieser Pionierinnen. Gewisse Frauen müssen dafür aus ihrer Komfortzone raus und die spirituellen Räume rückerobern. Auch ist eine islamisch-theologische Aufarbeitung der ideologischen Hürden vonnöten. Ein Beispiel kann sein, dass alte Fragestellungen wieder aufgegriffen werden, wie etwa die Frage nach der Selbstverständlichkeit, dass auch Prophetinnen nach islamischem Verständnis wirkten.


Weiterführende Literatur:

Kecia Ali: Sexual Ethics and Islam. Feminist Reflections on Qur’an, Hadith, and Jurisprudence. Oneworld Publications, 2016.

Zahra Ali (Hrsg.): Islamische Feminismen. Passagen, 2017.

Katajun Amirpur: Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte. C.H. Beck 2013.
Meine Rezension zum Buch: alrahman.de/wie-der-islam-neu-gedacht-werden-kann

Asma Barlas: Re-Understanding Islam: A Double Critique (Spinoza Lectures). Amsterdam, van Gorcum, 2008.

Thomas Bauer: Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Verlag der Weltreligionen, 2011.

Lamya Kaddor (Hrsg.): Muslimisch und liberal! Was einen zeitgemäßen Islam ausmacht. Piper, 2020.

Fatima Mernissi: The Veil and the Male Elite: A Feminist Interpretation of Women’s Rights in Islam. Addison Wesley Publishing Co., 1991.

Aisha Y. Musa: Hadith as Scripture. Discussions on the Authority of Prophetic Traditions in Islam. Palgrave MacMillan, 2008.

Muhammad Akram Nadwi: Al-Muhaddithat: The Women Scholars In Islam. Interface Publications, 2007.

Amidu Sanni: Women Critics in Arabic Literary Tradition with Particular Reference to Sukayna bt. al-Husayn. British Society for Middle Eastern Studies (July 1991): 358–366.

Annemarie Schimmel: Meine Seele ist eine Frau. Kosel Verlag, 1995.

Nimet Seker: Koran und Gender. Exegetische und hermeneutische Studien zum Geschlechterverhältnis im Koran. Hamburg: Editio Gryphus, 2020.

Lana Sirri: Einführung in islamische Feminismen. w_orten & meer, 2017.

Barbara Freyer Stowasser: Women in the Quran. Traditions, and interpretation. New York, Oxford: Oxford University Press, 1996.

Christian Ströbele, Amir Dziri, Anja Middelbeck-Varwick und Armina Omerika (Hrsg.): Theologie – gendergerecht? Perspektiven für Islam und Christentum. Friedrich Pustet, 2021.

Amina Wadud: Inside the Gender Jihad. Women’s Reform in Islam. Oxford, 2006.

Rafia Zakaria: Against White Feminism. Hanser / hanserblau, 2022.

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Abtreibung im Islam ist Mord, WENN…

Wann beginnt das Leben? Und ab wann ist Abtreibung Mord? In der Gottergebenheit (Islam) können diese Fragen mit Hilfe der Lesung (Koran) erörtert werden. Wir zeigen eine Möglichkeit auf diese Fragen Antworten zu finden.

Die Frage nach der Abtreibung kann sehr schnell und leicht die Gemüter erhitzen. Denn die Meinungen erhalten aufgrund individueller Umstände unterschiedliches Gewicht. Wir kennen aus dem Alltag, dass auch jedes Gesetz seine Ausnahmen oder Bedingungen hat. Dies gilt ebenso für sämtliche aus der Lesung abgeleiteten und dadurch als Interpretationen einzustufenden Regeln. Die eigene Kultur, unsere Sozialisierung, unser Bildungs- wie auch Wissensstand spielen eine große Rolle, wie wir welche Positionen erzeugen und einstufen. Die Lesung ist auch ein sehr ambiger Text, der jederzeit Vielfalt und ein ausgeklügeltes, differenziertes Verständnis erfordert und fördert. Eindeutigkeit kann hier höchstens eine Illusion der Sicherheit vermitteln. Sie ist also ein unerreichbares Unterfangen. Je nach Methodik und philosophischen Annahmen (Prämissen) werden unterschiedliche Ergebnisse erfolgen müssen.

Die Frage, ob Schwangerschaftsabbruch verboten ist, wurde nicht erst kürzlich relevant für muslimische Gläubige, ganz zu schweigen für die Gelehrten. Diese setzten sich mit solchen Themen aus allen möglichen Aspekten bereits intensiv auseinander. Fragen wie «wann beginnt das Leben?», «wie ist der Zusammenhang zwischen Seele, Geist und Körper?» und «wann werden die Körper beseelt?» führten zu unterschiedlichen Ansichten unter den Gelehrten. Wichtig ist hierbei die Anmerkung, dass diese (Rechts-)Gelehrten zumeist nicht Theologie im heutigen Sinne betreiben wollten. Sie waren in erster Linie Juristen. Um dogmatische Wahrheitsfindungen kümmerten sich vornehmlich die «Philosophinnen und Philosophen» (mutakallimūn). Es ging ihnen primär um eine systematische, analytische Anwendung der technischen Rechtsmethodik in der Scharīʿa. Diese ist in den Grundsätzen der heutigen europäischen Rechtsmethodik nahe. Dabei konnte ein und derselbe Gelehrte gleichzeitig oder zeitversetzt verschiedene juristische Urteile entwerfen und anwenden.

Für einige Gelehrten galt die Abtreibung ab dem ersten Tag der Schwangerschaft als Tötung einer Seele. Andere meinten wiederum, dass jeweils ab 40, 80 oder gar 120 Tagen erst die Schwangerschaftsunterbrechung oder Abtreibung als Mord verstanden werden kann und somit als verboten gilt. Für andere galt eine individuelle Abwägung, die in der einen Situation eine andere Regel benötigte als in einer neuen anderen Situation. Letzterer Position folge ich auch grundsätzlich. Eine klare Rechtsmeinung gab es nicht, geschweige denn einen Konsens (Idschmāʿ).

Wir möchten versuchen, aus der Lesung eine mögliche Position für eine sehr generalisierte Situation abzuleiten anhand der analytischen Koranhermeneutik, die im Buch Schlüssel zum Verständnis des Koran beschrieben ist. Dabei möchten wir betonen, dass das Ergebnis eine Richtschnur und kein absolut gültiges Gesetz für jede einzelne mögliche Situation darstellen soll. Der Koran leitet dazu an, sich stets differenzierter Gedanken zu machen und nicht bei einem einzelnen Ergebnis stehen zu bleiben. Das Leben ist Dank der kreativen Gunst und Liebe unseres Schöpfers voller Farben und nicht nur schwarz-weiss. Die hier aufgeführten Gedanken sind keine neuen Ideen. Wir bedienen uns an bereits bestehenden Überlegungen von verschiedenen Gelehrten, wie zum Beispiel Yaşar Nuri Öztürk oder Edip Yüksel, nur um zwei zu nennen, die wiederum auf den Ideen anderer Gelehrten aufbauten.

Zusammenhang zwischen Leben und Seele?

Wichtig sind die Definitionen der Worte wie Leben oder Seele. Ist das Töten von Leben dasselbe wie das Töten einer Seele? Bakterien können ebenfalls als Leben verstanden werden und somit auch ein Fötus, der sich lebendig weiterentwickelt. Jede Stammzelle kann als lebendiger Grundbaustein des Lebens verstanden werden, worin der genetische Code eines Menschen verzeichnet ist. Eine genetische Struktur zu haben bedeutet nicht eine Persönlichkeit mit einer Seele zu besitzen. Die Summe ist mehr als ihre Einzelteile.

Die Lesung unterscheidet zwischen Leben (ḥayāh) und Seele (nafs). Das Wort Seele ist nicht ganz passend, jedoch ist die Diskussion für einen anderen Artikel vorgesehen. Laut der Offenbarung sind ebenfalls Pflanzen und Tiere lebendig. Auch unser formloser, geschlechtsloser Gott ist der Lebendige (al-hayy). Dem Menschen wird jedoch eine besondere Beziehung zwischen Leben und Seele attestiert, indem uns vom göttlichen Geist (rūḥ) eingehaucht wird (15:29). Statt von Seele könnte man auch von einem besonderen Bewusstsein sprechen. Die Diskussion ist auf philosophischer Ebene sehr schwierig, da es naturwissenschaftlich-philosophische Argumente für ein komplexes Bewusstsein auch bei Tieren mit Wirbelsäulen und einem vegetativen Nervensystem gibt.

Durch die in der Lesung dargelegten Unterschiede erhalten die Menschen nun die Erlaubnis, sich Pflanzen oder Tiere zu Nutze oder «dienstbar» zu machen (22:37, 31:20). Das Töten von Tieren zum Verzehr von Fleisch wird beispielsweise nicht als Mord eingestuft. Dies heißt nicht, dass der Mensch mit der Umwelt und den Mitgeschöpfen blind verfahren kann, wie er möchte. Umweltschutz und Sorge zur Umwelt und den Geschöpfen sind aus vielen anderen Gründen auch gottergebene (islamische) Pflichten. Da die Berücksichtigung individueller Umstände in einem allgemeinen Prinzip unmöglich bleiben wird, ist das Recht nach Selbstbestimmung eines der wichtigsten Prinzipien:

Kein Zwang in der (gottergebenen) Lebensweise. […]

2:256

Eine gläubige Person wird in ihrem Gottvertrauen immer wieder geprüft und hat deshalb zu erlernen, wie dieses auch in schwierigen Situationen aufrechterhalten werden kann. Sie kann nicht Vertrauen und Verständnis in Gott und seine Gebote durch Zwang aufbauen. Vertrauen und Zwang schliessen sich aus.

Was ist Mord?

Mord ist im Koran der ungesetzliche, ungerechte, unethische Akt der Tötung eines Menschen. Mord ist also das Beenden einer menschlichen körperlichen und seelischen Verbindung.

Gott beruft die Seelen zur Zeit ihres Todes ab, und auch die, die nicht gestorben sind, während ihres Schlafs. Er hält die eine (Seele), für die Er den Tod beschlossen hat, zurück, und Er entsendet die andere auf eine bestimmte Frist (zurück in ihre Körper). Darin sind Zeichen für Leute, die nachdenken.

39:42

Aus diesem Vers ist erkennbar, dass im Schlaf unsere Seele oder unser Selbst (nafs) temporär an einen anderen Ort geht. Die Seele ist also nicht der Körper selbst, der in der physischen, diesseitigen Dimension verbleibt. Die Seele kostet dabei den Tod (3:185), wenn der Körper stirbt. Aber wenn der Körper noch intakt genug ist, wenn er also nicht tödlich verletzt ist, kann ein Körper auch ohne Seele weiter funktionieren. Von einigen wird hier spekulativ das Beispiel von Jesus angeführt, dessen Seele zumindest nicht mehr im Körper war, als sein Körper gekreuzigt wurde (4:157).

Aus diesem Grund schrieben Wir den Kindern Israels vor: Wenn einer jemanden tötet, jedoch nicht wegen eines Mordes oder weil er auf der Erde Unheil stiftet, so ist es, als hätte er die Menschen alle getötet. […]

5:32

Eine Person (Nafs) oder Seele ohne irgendeine Rechtsgrundlage, etwa bei Selbstverteidigungskriegen, Notwehr oder Notwehrhilfe, zu töten, ist eine enorme Sünde. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Mensch gläubig ist oder nicht, welcher Nation oder welchem Stamm er angehört und wie alt er ist. Jede Seele ist gleich wertvoll. Wenn das sich entwickelnde Leben in der Gebärmutter als «Seele» gilt, ist auch die Abtreibung als Ermordung einer Seele aufzufassen. Dies ist die wesentliche, relevante koranische Argumentation, was die Abtreibung betrifft. Dies könnte selbst die pränatale Diagnostik tangieren.

Leben beherbergen bedeutet also nicht notwendigerweise eine Seele zu besitzen. Ein Körper ist nicht die Persönlichkeit oder die Seele selbst. Die Empfängnis beim Sex kann demnach so betrachtet werden, dass Leben bereits bei der Befruchtung entsteht. Die nun essenzielle Frage ist, wann dieses Leben und dieser Organismus beseelt werden.

Gott verurteilt das Töten Neugeborener

Und tötet nicht eure Kinder aus Furcht vor Verarmung! Wir versorgen sie und euch (mit Lebensunterhalt). Gewiss, sie zu töten ist eine schwere Verfehlung.

17:31

Der historische Rahmen des angeführten Verses, der ähnlich in 6:151 wiederholt wird, greift der Text wiederum selbst auf. Gewisse Araber töteten damals leider ihre Kinder kurz nach der Geburt aus Scham und Kummer, nachdem sie sahen, dass Mädchen zur Welt kamen (16:58-59). Der Koran verurteilt und verbietet diese Praxis und betont, dass Gott für uns und andere sorgt (6:152).

Einige nehmen diese Verse als Grundlage, dass bereits das Embryo in der Gebärmutter damit gemeint sein müsse. Das sich entwickelnde Leben in der Gebärmutter ist jedoch in dem Sinne noch ein Ungeborenes. Auf Arabisch bedeutet walada gebären oder zur Welt bringen und al-walad (pl. awlād) bedeutet wörtlich der Geborene, was im Vers vorkommt. Es ist demnach unsinnig davon zu sprechen, ein Geborenes in der Gebärmutter zu tragen.

Auf Arabisch wird für Fötus dschanīn (pl. adschinna, vgl. 53:32) mit der sinngemässen Bedeutung umschirmt oder umhüllt verwendet. Ebenfalls werden Wörter wie ʿalaqah (Embryo) oder muḍghah (Klumpen/Fötus) im Koran verwendet (22:5), um den Zustand des Geborenseins von der Entwicklung in der Gebärmutter zu unterscheiden. Ein Fötus ist im allgemeinen Sinne eine körperliche Bürde oder Traglast (ḥaml, vgl. 22:2).

Hier könnte eingewandt werden, dass in der Lesung Maria ein Sohn (Jesus) versprochen wird und dabei das Wort walad vorkommt (vgl. 3:47). Dieser Vers prophezeit einen Sohn, der definitiv zur Welt kommen soll. Damit wird sprachlich und rhetorisch der Umstand bestärkt, dass die Geburt nach der Schwangerschaft garantiert wird.

Die Beseelung geschieht nicht mit der Empfängnis

Die Lesung (Koran) kann so gedeutet werden, dass die Beseelung des Lebewesens erst nach einer gewissen Phase in der Gebärmutter geschieht.

Dann schufen Wir den Tropfen (Sperma) zu einem Embryo, und Wir schufen den Embryo zu einem Fötus, und Wir schufen den Fötus zu Knochen. Währenddessen bekleideten wir die Knochen mit Fleisch. Dann liessen Wir ihn als eine weitere Schöpfung entstehen. Gott ist gesegnet, der beste aller Schöpfer!

23:14

Dieser Vers betont die verschiedenen Stufen der Schöpfungsentwicklung im Uterus. Der Koran als ein nicht medizinisch-biologischer Text vereinfacht die Embryologie. Er verpackt komplexeste und detaillierteste Vorgänge in für die Allgemeinheit verständlichen Bildern. Wir haben also vier Phasen der Entwicklung:

  1. Sperma
  2. Embryo
  3. Fötus
    • Entwicklung der Knochen und Umhüllung dieser mit Fleisch
  4. Eine weitere, neue Schöpfung

Daraus ist ableitbar, dass eine neue Schöpfung nicht bereits mit der Empfängnis entsteht. Das Embryo als sich entwickelnder biologischer Organismus ist noch keine Person. Irgendwann in der fötalen Phase erscheint also die Seele.

Der nächste Vers teilt uns mit, dass die gesamte Periode der Schwangerschaft (haml) wie auch des Stillens dreissig Monate andauert.

Und Wir haben dem Menschen aufgetragen, seine Eltern gut zu behandeln. Seine Mutter hat ihn in Angestrengtheit getragen und in Angestrengtheit zur Welt gebracht. Die Zeit von der Schwangerschaft bis zur Entwöhnung beträgt dreissig Monate. […]

46:15

Der nächste Vers beschreibt die maximale Dauer des Stillens als zwei volle Jahre, also 24 Monate.

Und die Mütter stillen ihre Kinder zwei volle Jahre, falls jemand das Stillen vollenden möchte. […]

2:233

In Kombination beider Verse können wir ableiten, dass die Schwangerschaftsdauer für die Seele 30 minus 24 Monate, also sechs Monate dauert. Eine Schwangerschaft nach der Empfängnis dauert gewöhnlich, Ausnahmefälle nicht mitberücksichtigt, etwa 38 Wochen. Je nach Definition in der Literatur können dies 266 bis 268 Tage sein.

Also ist die Dauer der Schwangerschaft, in der noch keine Seele in der Gebärmutter ist, 266 minus 180 Tage (sechs Monate), also 86 Tage. Anders gesagt ist das Ungeborene in der Gebärmutter in den ersten 86 Tagen nach der Empfängnis noch keine Seele.

Diese Zeitspanne ist unseres Erachtens eine Gnade, die Gott uns geschenkt hat. Unser Schöpfer kennt uns, der natürlich um traumatische Erfahrungen wie Vergewaltigungen und Inzest Bescheid weiß. Er gesteht uns so eine gewisse und doch große Autonomie zu im Umgang mit unseren Körpern und im selbstbestimmten Umgang mit traumatischen Erlebnissen.

Sofern das Leben der Mutter während einer Schwangerschaft gefährdet ist, auch nach dem ersten Trimester, gelten dann wieder andere Grundlagen zur Entscheidungsfindung, da diese Situation andere Voraussetzungen liefert als der Verlauf einer gewöhnlichen Schwangerschaft. Die Diskussion dieser und auch anderer Fälle mit anderen Ausgangslagen muss also gesondert zur Abtreibung geführt werden.

Zusammengefasst erhalten wir:

  • Der Koran verurteilt Infantizide (6:151, 16:58-59, 17:31) und ebenso ist die Tötung einer Seele eine grosse Sünde (5:32).
  • Die Seele ist nicht mit einer körperlichen Form gleichzusetzen (39:42).
  • Erst ab einem gewissen Zeitpunkt innerhalb der fötalen Phase erscheint die Seele und eine neue Person wird erschaffen (22:5, 23:14).
  • Die Leibesfrucht in der Gebärmutter ist in den ersten 12 Wochen noch keine «Person» oder «Seele», in dem Sinne noch kein «Mensch».
  • Die Selbstbestimmung steht im Vordergrund (2:256).

Es ist besser, das Kind auszutragen, aber …

Somit ist die Abtreibung erst dann ein Mord, wenn sie nach dem ersten Trimester stattfindet. Wir empfehlen oder schlagen Abtreibung generell nicht vor. Abtreibung soll als eine Option für schwere Fälle verbleiben, besonders für Opfer traumatischer Verhältnisse wie etwa Vergewaltigung oder Zwangsbefruchtung. Gott kennt und versorgt uns, ist uns näher als unsere Halsschlagader (50:16). Er weiß, dass das Vertrauen in Ihn die Voraussetzung dafür ist, auch in schwierigen Situationen der gottergebenen Lebensweise (dīn) zu entsprechen. Für die Schwangerschaft oder ihre Unterbrechung bedeutet dies: Es ist besser, das Kind auszutragen, aber das setzt besonders in schwierigen Situationen Gottesvertrauen (tawakkul) und Sicherheit im Herzen (ʾīmān) voraus.

Kein Mensch hat das Recht, andere dafür zu verurteilen, wenn dieses Vertrauen noch nicht entstehen konnte. Wir sind keine Maschinen im Glauben. Gott liebt und vergibt uns mit all unseren Fehlern. Umgekehrt ist die Gesellschaft verpflichtet, Situationen zu schaffen, die das Vertrauen zumindest auf juristischer, materieller, psychisch-sozialer Ebene herstellen. Das heißt: keine Verurteilung, Herabsetzung, Verspottung der Schwangeren, die es nicht geschafft hätten zu verhüten und nur auf ihren eigenen Spass aus gewesen seien und ähnliche Argumentationsmuster. Ebenso wenig dürfen wir Bildungschancen sowie finanzielle Sicherung versperren.

Letztlich ist die Entscheidung aber eine Sache zwischen der betroffenen Frau und Gott. Dem Partner bleibt nichts anderes übrig als sich beratend liebevoll zur Seite zu stellen und bei einer Uneinigkeit die Trennung bzw. Scheidung als letzte Konsequenz zu nehmen, wenn die Differenzen unüberbrückbar sind.

Und Gott weiß es besser.

Hinweis: Dieser Artikel verwendet Elemente angelehnt an eine damals im Austausch unveröffentlichte Textfassung einer werten Schwester, die nun als eigener Artikel zu lesen ist: Schwangerschaftsabbruch

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Ich bin würdevoll

(Der Text ist eine verkürzte Verschriftlichung einer Freitagsansprache vor unserem Versammlungsgebet.)

Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem verworfenen Satan
Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen

35:18 Und keine Lasttragende trägt die Last einer anderen. Und wenn eine Schwerbeladene (zum Mittragen) ihrer Last aufruft, wird nichts davon (für sie) getragen, und ginge es auch dabei um einen Nahestehenden. Du kannst nur die warnen, die ihren Herrn im Verborgenen fürchten und den Kontakt aufrecht erhalten. Und wer sich läutert (zakâh), läutert sich zu seinem eigenen Vorteil. Und zu Gott führt der Lebensweg.

Das arabische Wort zakâh wird gemeinhin fürchterlich und falsch als “Almosensteuer” übersetzt. Jedoch bedeutet das Wort Läuterung und hat einen enorm wichtigen Wert in der Lesung (Koran). Gott schreibt sich selbst Barmherzigkeit vor. Er behält Seine Gnade denen vor, die Achtsamkeit (taqwa) pflegen und zur Läuterung (zakâh) ihrer Selbst und dieser Welt beisteuern (vgl. 7:156, 6:12, 6:54). Dabei ist der Fokus die Hilfeleistung für andere im Dienste Gottes und keine Selbstoptimierung. Es geht nicht darum, dass ich Leistung beweise, indem ich diese oder jene Errungenschaften ergattere. Ich habe durch meine Würde in mich selbst genügsam und dankbar zu sein. Genügsamkeit entsteht durch eine innere Haltung, die auch zur Selbstgenügsamkeit im positiven Sinne führen kann. Sie ist nicht auf äusseres Handeln aus. Ich darf nicht einfach nur Performance leisten. So wird etwa das Gebet kritisiert von denen, die “gesehen” werden wollen:

8:35 Und ihr Gebet beim Haus ist nur Pfeifen und Klatschen. So kostet die Pein dafür, dass ihr abzuleugnen pflegtet.

107:1 Sahst du den, der die Lebensordnung (dîn) leugnet?
107:2 Das ist nämlich der, der die Waise zurückweist
107:3 und nicht die Speisung des Bedürftigen fördert.
107:4 So wehe den Kontakthaltenden (Betenden),
107:5 die in ihrem Kontakt (Gebet) geistesabwesend sind,
107:6 die sich zur Schau stellen
107:7 und das Hilfesystem verhindern!

Besonders in Sura 107 wird klar, dass eine innere ganzheitlich tragbare Haltung zur Lebensordnung bzw. Lebensweise (dîn) der Gottergebenheit (islâm) erforderlich ist. Das Helfen bzw. die Hilfeleistung für Andere erhält mehr Gewicht als eine Perfektionierung meiner Selbst. Grundsätzlich sollten wir uns innerlich entwickeln aus dem Wunsch heraus, anderen zu helfen. Damit wir für die Familie, Gemeinschaft oder Gesellschaft da sein können mit unseren Talenten (13:11, 8:53, das Konzept an-nafs al-lawwâma = die selbstkritische und reflektierende Seele – 75:2).

2:20 Beinahe raubt der Blitz ihre Blicke. Jedes Mal leuchtet er für sie, dann gehen sie darin und wenn es sich um sie verdunkelt, dann stehen sie. Hätte Gott gewollt, dann hätte er ihr Gehör und ihre Blicke weggenommen. Gott ist gewiss über alle Dinge mächtig.

Dieser Vers ist sehr interessant in Bezug auf den Umgang mit Wissen und Weisheit. Gottessuchende gehen auch dann, wenn sie keinen Blitz sehen, weil sie das Licht Gottes zur Hilfe nehmen. Dieses Licht ist in jedem von uns. Das heisst, ich kann mein inneres Licht, den göttlichen Geist (ruh) in uns allen, für andere zur Verfügung stellen. Das Licht anderer dient dann als Orientierung für mich. Blitze sind hier symbolisch externalisierte Orientierungspunkte, die die materielle Welt meritokratischen Denkens, also leistungsorientiertes Denkens repräsentieren können. Unser Blick und unsere Hörsinne (wörtlich wie auch metaphorisch) sollen also geschärft bleiben und nicht abgelenkt werden. Jedoch müssen wir dies nicht extra erlernen. Gott hat uns diese Fähigkeit bereits geschenkt, wir müssen sie nur im Innern erkennen. Deshalb verwechseln viele die Reihenfolge: Nicht tun, um etwas zu sein. Sondern aus dem Sein heraus dürfen und können wir tun.

17:70 Wir haben doch wahrlich die Kinder Adams geehrt / den Kindern Adams Würde verliehen und sie über Land und Meer getragen und sie versorgt mit guten Dingen und sie ausgezeichnet, eine Auszeichnung vor jenen vielen, die Wir geschaffen.

Ich bin also würdig und würdevoll, allein weil ich existiere, allein weil Gott mich erschuf. Meine Würde muss ich nicht erst noch beweisen. Ich muss nicht „perfekt“ in der Einhaltung der Gebete sein oder schon seit Ewigkeiten das Fasten ohne Unterbruch einhalten. Wir werden über Land und Meer getragen, auch im symbolischen Sinne wiederum. Das Land umschreibt die materielle Welt und die Meere die geistige, emotionale Welt des Inneren. Wir wurden bereits ausgezeichnet und müssen uns nicht erst noch Auszeichnungen erarbeiten. Aus diesem Grund kritisiere ich das materialistisch gedachte Hassanat-System. Sie ist sowieso unkoranisch, trotz der guten Absicht, mit der die Gelehrten wohl das neu zugedachte System bemühten.

Abschliessend möchte ich aufzeigen, wieso die überhöhte Selbstoptimierung unnötig ist. Laut der Lesung werden die guten Taten verzehnfacht, die schlechten Taten jedoch bleiben gleich in ihrer Wertigkeit:

6:160 Wer mit Gutem kommt, erhält zehnmal soviel. Und wer mit Schlechtigkeit kommt, dem wird nur gleichviel vergolten. Und ihnen wird dabei nicht Unrecht getan.

Ich muss mich also im Guten nicht verausgaben. Mit einer kleinen guten, gewöhnlichen Hilfestellung aktiviere ich bereits islamische Superkräfte. Ich muss mich engagieren, also eine liebevolle Abmühung (dschihâd) üben. Ich habe aber mich nicht zu überstrapazieren. Das heisst, ich muss nur ein Zehntel dessen erreichen, was Propheten geleistet haben, um die „prophetische Stufe“ zu erreichen. Und wir sind nicht einmal dazu verpflichtet laut Koran, da wir keine Propheten sind. Wir können also weniger als ein Zehntel dessen anstreben, was die Propheten und Gesandten, Friede sei auf allen, erreicht haben. Welch befreiende Einfachheit! Dies bekräftigt Vers 33:45, wonach die Verurteilten nicht einmal ein Zehntel dessen erreicht hätten, was anderen zukam.

Weniger ist tatsächlich mehr in der Gottergebenheit laut der Lesung! :leichtes_lächeln:

In der Unendlichkeit des Kosmos sind wir bedeutungslos klein, aber für Gott sind wir bedeutungsvoll, eben würdevoll.

man love people woman

Ist eine Adoption verboten laut Koran?

Einige Muslim:innen führen die Verse 33:4-5 an, um die Adoption insgesamt im Namen des Islams (Deutsch: Gottergebenheit) zu verbieten. Schauen wir mal genauer auf die sinngemässe Übersetzung:

33:4 Gott machte keinem Menschen zwei Herzen in seinem Inneren. Und Er hat eure Partner, von denen ihr euch durch den Rückenspruch trennt, nicht zu euren Müttern gemacht. Und Er hat eure Adoptivkinder nicht zu euren Kindern gemacht. Das ist eure Aussage aus euren Mündern. Aber Gott sagt die Wahrheit, und Er leitet zum Weg recht.
33:5 Nennt sie nach ihren Vorfahren. Das ist gerechter bei Gott. Wenn ihr ihre Vorfahren nicht kennt, dann gelten sie als eure Geschwister in der Lebensordnung und eure Schützlinge. Und es ist keine Sünde für euch, was ihr hier verfehlt habt, sondern was eure Herzen vorsätzlich anstreben. Und Gott ist vergebend, gnädig.

Im ersten zitierten Vers werden also Aussagen des Aberglaubens verworfen. So lernen wir, dass wir in unserer Seele eine Einheit bilden und nicht mehrere Ursprünge haben. Ebenso wird der sogenannte Rückenspruch abgelehnt. Dieser kommt auch am Anfang der Sura 58 vor. Wir dürfen also Adoptivkinder nicht als leibliche Kinder missverstehen. Sie sind keine genetischen Nachfahren. Laut 33:4-5 müssen die Adoptivkinder weiterhin den Familiennamen der Eltern tragen. In Vers 5 erfahren wir, dass wir nicht nach Formalitäten, sondern nach dem, was in unseren Herzen als reine Absicht ist, gehen sollen. Zusätzlich ist der historische Kontext der Verse wichtig, damit wir die Botschaft hinter den Versen korrekt verstehen.

Durch die Adoption und falsche Gesetze nicht enterben

Insofern waren Erbstreitigkeiten ein Ausgangspunkt für die Gelehrten. Es geht darum, nicht mittels Gesetzen die Kinder zu enterben oder sie ihrer Rechte zu berauben. Heutzutage steht die Adoption in einem neuen Licht und so sind die Verse nicht ohne Weiteres anwendbar. Wir müssen die aktuelle Gesetzeslage unserer Gesellschaften kennen. Die Erbschaft ist eine wichtige Fragestellung im Koran. Denn die Menschenwürde zu achten ist in der Gottergebenheit wesentlich. Genauso wichtig ist es Verwandtschaften zu berücksichtigen (8:75). Berauben wir durch falsche Gesetze adoptierte Kinder ihrer Vermögen oder allgemein ihrer Entwicklung, machen wir uns Gott zum Feind. Wir handeln dann moralisch schädlich und ungerecht. In Sura 2 und Sura 4 gibt es u.a. ausführliche Verse zur Erbschaft.

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Kurz gesagt: Adoption ist erlaubt, sofern damit ein Akt der Liebe geschehen soll. Sie ist erlaubt, wenn einem Kind damit geholfen wird; dies unter Bewahrung der Erbschaftswege für das adoptierte Kind und unter Beibehaltung des Familiennamens.

Nachdenkliches Mädchen - Enthaltsamkeit

Ramadan: Eine Zeit der Enthaltsamkeit und Erneuerung

Ramadan ist eine Zeit der Enthaltsamkeit, in der Gottergebene («Muslime») Achtsamkeit üben müssen, wenn wir das Fasten in seiner Tiefe verinnerlichen möchten.

2:183 „Ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, so wie es denen vor euch vorgeschrieben war, auf dass ihr achtsam seid.“

Hanif-Übersetzung

Dabei ist diese Übung der Enthaltsamkeit eine Einladung an alle Menschen über die verschiedenen Wege zu reflektieren, wie wir die Gesundheit unserer Seelen über den Rest des Jahres vernachlässigen.

Wir praktizieren einen Monat lang Fasten, Meditieren, Reflektieren und Gebete, um den Mysterien dieses wunderschönen Universums, der Barmherzigkeit und dem Wissen Gottes näherzukommen. Und in diesem Monat war es, in welchem die Lesung («Qur’an») eingegeben wurde:

2:185 Monat Ramadan: In dem die Lesung als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt wurde, als Klarstellungen über die Rechtleitung und die Unterscheidung. 

Hanif-Übersetzung

Seelische und gesellschaftliche Revolution

Diese Worte Gottes änderten nicht nur das Leben unseres geliebten Propheten, sondern revolutionierten auch seine Gesellschaft. Sie beeinflussen unsere Welt heute noch. Diese Worte gehen über die Beschreibung der Natur unserer Körper weit hinaus und zeigen uns auf, dass wir den Hauch Gottes in uns tragen und alle aus derselben einen Seele erschaffen sind (4:1, 15:29). Wir sind alle miteinander verbunden.

Diese Revolution, die beim Propheten zunächst in seiner Seele stattfand und dann in der Gesellschaft, sollte auch die Erfahrung von Gottergebenen in ihrem eigenen Ramadan sein, zusätzlich zur Enthaltsamkeit von Essen, Trinken und Sex von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang. Diese intensive Disziplin sollte uns näher zu Gott bringen, indem wir unsere grundlegendsten Wünsche und Bedürfnisse kontrollieren. Dadurch erreichen wir eine höhere Ebene des Bewusstseins, um eine tiefere Hingabe gegenüber Gott zu leben.

Indem wir uns buchstäblich entleeren, einerseits physisch von Nahrung und andererseits spirituell von unserer Anhänglichkeit gegenüber allen Dingen, die uns von Gott weg bewegen, schaffen wir Raum. Wir schaffen den nötigen Raum, in dem unsere Seelen erneut gedeihen können. So wie bei einem vollen Glas nichts mehr hinzugefügt werden kann, ist es nicht möglich, einer von sich selbst gefüllten Seele Raum zu geben für Gott. Es muss eine Lücke entstehen.

Unsere Seelen atmen im Ramadan aus, damit wir beim Einatmen die Barmherzigkeit Gottes, sozusagen frische Luft empfangen können. Es ist kein Zufall, dass viele Meditationen mit dem Atmen arbeiten, um diese symbolische Verbindung zu verinnerlichen. Vom ersten Atem bis zum letzten widmen wir uns deshalb Gott:

6:162 Sprich: Mein Gebet und meine Kulthandlung, mein Leben und mein Sterben gehören Gott, dem Herrn der Welten.

Übersetzung von Adel T. Khoury

Es kann deshalb ein sehr positives Zeichen sein, wenn wir im Verlauf des Ramadan ein Gefühl der Leere oder der Erdrückung empfinden. Dies ist die seelische Wirkung der Enthaltsamkeit, die den so dringend benötigten Raum schafft.

Gott steht uns dabei stets zur Seite. Es liegt nur an uns, dass wir Seine gütige, liebende und leitende Gegenwart in diesem neu geschaffenen Raum spüren. Durch die Anrufungen erklären wir Gott gegenüber unsere Unfähigkeit, immer das zu tun, was nötig ist. Das Fasten mag sehr schwer vorkommen, die innere, seelische Arbeit sehr anstrengend sein. Es kann sogar so stark werden, dass wir das Gefühl entwickeln, keine Luft zu bekommen. Der Gedanke: «Ich kann das nicht machen, Gott!», zeigt auf, wie viel Raum wir uns selbst noch einräumen in unseren Seelen. Wir müssen uns innerlich entleeren, damit wir mehr Raum haben für das Göttliche. Wahre Ergebung und das Ego können nicht im selben Behälter fortbestehen.

2:186 Und wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich nah, antworte auf den Ruf des Rufenden, wenn er mich rief. Sie sollen dann mir antworten und an mich glauben, auf dass sie vernünftig sind.

Hanif-Übersetzung

Im Ramadan fand die erste Eingebung zwischen dem Heiligen und dem Siegel der Propheten (33:40) der Gottergebenheit («Islam») statt. Ramadan ist demnach eine Zeit, in der das Selbst hinterfragt und entleert wird. Dies kann schmerzhaft sein. Doch erst dieses Reflektieren erlaubt es uns, die Rechtleitung Gottes zu erhalten. Ohne eine seelische Änderung wird auch kein Wandel stattfinden (13:11). Gerade diese Einengung, den seelischen Gürtel enger zu schnallen, lässt unsere Seelen erneuern und sich erholen. Liebe zu erfahren und Kummer zu zeigen ist ein Ausdruck der Barmherzigkeit – Gottes Barmherzigkeit. Und die Barmherzigkeit Gottes ist für fortgeschrittene Seelen gedacht, die zeitgleich mit Stärke und Feingefühl durch die Welt wandern. Diese Seelen achten auf ihre Umwelt und Mitmenschen, üben Achtsamkeit («Taqwá»), und sorgen durch eine allseits gerichtete Läuterung («Zakâh») für eine Verbesserung sämtlicher Umstände (7:156).

Barmherzigkeit

Dies bedeutet, dass wir uns im Ramadan auch all dessen bewusst werden, was uns von dieser Rückverbindung mit uns selbst und Gott ablenkt. Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt (6:12, 6:54), so haben wir uns selbst auch Barmherzigkeit zu zeigen. Sollten wir gewisse Ziele nicht erreichen, so beginnen wir einfach von Neuem.

Wenn Gott sich selbst Barmherzigkeit vorschreibt, sollte unser Fokus dann nicht auch Barmherzigkeit, Vergebung und Verzeihung sein?

Lasst uns wieder bewusst werden, was die Bismillah bedeutet: im Namen Gottes, des Erbarmers, des Gnädigen. Dieser Satz wird unter Gottergebenen oft zu Beginn einer Tätigkeit ausgesprochen. Al-Rahman, der Erbarmer, Al-Rahiim, der Gnädige. Beide entstammen dem Wort rahmah, Barmherzigkeit, und haben eine Verbindung zu rahim, Gebärmutter. Gott, der Leben aus Seiner Barmherzigkeit heraus in den Gebärmüttern erschafft, zeigt uns die Verbindung zwischen der Barmherzigkeit und der Erschaffung. Wir müssen uns um unsere Familien und genauso um unsere Mitgeschöpfe aller Art gnädig kümmern.

Genauso sollten wir uns um uns selbst kümmern. So sollten wir zum Beispiel behutsam und bedacht unser Fasten brechen, traditionell mit einer Dattel und einem Schluck Wasser, während die ganze Wahrnehmung darauf ausgerichtet ist mit vollem Herzen (und Zunge) dabei zu sein und Dankbarkeit zu üben.

Dankbarkeit

2:185 … So sollt ihr die Anzahl vervollständigen und Gott hochpreisen dafür, dass Er euch rechtleitete, auf dass ihr dankbar seid.

Hanif-Übersetzung

Gerade im hungrigen, ermüdeten Zustand ist diese innere Haltung wichtig. Nicht der Moment des Fastenbrechens, die Nahrungsaufnahme, soll im Vordergrund stehen, sondern die Dankbarkeit, die durch die Enthaltsamkeit und das Fastenbrechen entsteht.

Die Enthaltsamkeit ist dabei auch mit einem Blick auf die Gemeinschaft und den Kontakt zu Gott («salâh») zu üben. Die eigene Seele mehr schweigen zu lassen, um gemeinsam aufeinander zu achten. Damit kann das Fasten auf eine gesunde Art und Weise und emotional erfüllend verlaufen. Auf diese Weise können Kinder unter Aufsicht nach gesundem Menschenverstand fasten und somit schrittweise und behutsam dem Ramadan näher gebracht werden. Auch die Fürsorge gegenüber älteren Mitmenschen und das Bewusstsein für die Tiere als Geschöpfe können so schöne Erinnerungen schaffen.

Aufklärung

Neben der Sanftmut gehört es auch dazu, das eigene Denken zu hinterfragen in der Lebensordnung. An welcher Tradition hafte ich aus welchen Gründen? Ist das, was ich für die Gottergebenheit halte, wirklich ein Bestandteil der koranischen Eingebung? Aufklärung ist eine gottergebene Pflicht. Nicht umsonst wird in der Lesung das blinde Befolgen unserer Vorväter angeprangert (2:170). Wir müssen klar unterscheiden zwischen der göttlichen Eingebung und hinzugedichteten Meinungen. Ansonsten enden wir bei einer Lebensordnung, die Gott nie verordnet hat (42:21).

Wir sind von der Einheit Gottes überzeugt. Diese Überzeugung der Einheit muss aber auch auf unser Denken einwirken, indem nur der Erbarmer unser Beschützer («mevlana»), unser Herr («rabb») und unser Lehrer ist (55:1-2). Lassen wir zu, dass Menschen oder Idole die Kontrolle über unseren Lernprozess innehaben, machen wir uns der Beigesellung («schirk») schuldig. Dadurch sind wir nicht mehr zur Aufklärung in der Lage, da wir uns von der Rechtleitung Gottes ausschließen. Auch hier gilt es Enthaltsamkeit zu üben.

Die Abmühung («Dschihâd») zugunsten der Gerechtigkeit und den Menschenrechten ist wahrscheinlich das Beste, um Identität zu stiften. Sich für andere einzusetzen ist ein wichtiger Teil des Dienstes an Gott und ein notwendiger Pfad zur Selbsterkenntnis. Dazu gehört auch das Zelebrieren unserer Geschwister, die sich leise oder auch laut für die Menschenrechte einsetzen.

Hoffnung

Einige denken jetzt vielleicht an die vielen Ungerechtigkeiten und Schmerzgefühle, die wir durch die ständige mediale Darstellung erlitten haben. Einige mögen gar Wut empfinden und sich unterdrückt fühlen. Es ist aber nicht richtig, in dieser Opferhaltung zu verharren. So heißt es doch:

39:53 Sprich: O meine Diener, die ihr gegen euch selbst Übertretungen begangen habt, gebt die Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes nicht auf. Gott vergibt die Sünden alle. Er ist ja der, der voller Vergebung und barmherzig ist.

15:56 Er sagte: »Nur die Abgeirrten geben die Hoffnung auf die Barmherzigkeit ihres Herrn auf.«

Übersetzung von Adel T. Khoury

3:134 Diejenigen, die in Freude und Leid ausgeben, die die Wut unterdrücken, und die den Menschen verzeihen. Und Gott liebt die Gütigen

Hanif-Übersetzung

Diese Worte sind eine rituelle Reinigung für uns, welche den Schmutz und Dreck der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wegwaschen. Sie können uns beschämen und zugleich stärken. Sie beschämen uns, da wir uns der Arroganz der Verzweiflung bewusst werden: Wir haben kein Anrecht auf Verzweiflung, solange es Menschen auf der Welt gibt, die wahrhaft leiden. Wir müssen uns gesellschaftlich und politisch für die Leidenden einsetzen. Diese Worte stärken unsere Seelen, da wir merken, dass unsere Lebensordnung («dîn») auf Hoffnung aufbaut. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die wir mitgestalten müssen. In der Gottergebenheit («Islam») stirbt die Hoffnung nicht zuletzt. In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

So lasst Abschied nehmen von der giftigen Rhetorik des wir und sie. Wir sind alle aus derselben einen Seele. Es gibt nur ein Wir. Die schier unverständliche Menge an Leiden, Grausamkeit und Ungerechtigkeit stellen eine Aufforderung zur Tat und Hilfeleistung dar, nicht zur Verzweiflung und Wut. Dadurch erfüllen wir das Gebot Gottes, Gerechtigkeit zu üben (7:29). Zahlreiche Verse gebieten, die Schwachen und Unterdrückten zu schützen und unermüdlich Gutes zu tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, einfach Gott zuliebe. Dies alles vor dem Hintergrund der Barmherzigkeit und Hilfe Gottes, ohne dass wir die Hoffnung auf Besserung aufgeben. Auf diese Weise eliminieren wir beispielsweise Stereotypen, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit und setzen uns ein für die politische Gleichbehandlung aller Menschen.

Enthaltsamkeit bedeutet auch zu schweigen, wenn Schweigen angebracht ist. Wahre Gottergebene gebrauchen eine Sprache, die Frieden fördert. Sie schweigen, wenn sie mit Beleidigungen konfrontiert werden (z. B. «Geh dorthin zurück, von wo du herkommst!»), nachdem sie ihren Mitmenschen Frieden gewünscht haben:

25:63 Und die Diener des Erbarmers sind die, die demütig auf der Erde umhergehen und, wenn die Törichten sie anreden, sagen: »Frieden!«

Übersetzung von Adel T. Khoury

Mit einer friedlichen Sprache setzen wir uns für die Gerechtigkeit und Menschenrechte ein. Wir als Gottergebene wissen, dass Gott uns beisteht und Er uns ausreicht (39:36). Wir brauchen keine Anerkennung der Gesellschaft oder irgendwelche Preise zu gewinnen. Unser Preis ist bei Gott, Der alles wahrnimmt und uns lehrt, immer an der Hoffnung festzuhalten. Hoffnung, die zur Tat aufruft. Unsere Stärke in der Hoffnung liegt darin, dass wir die negativen Energien von Rassisten und Menschenfeinden nicht in uns zulassen. Enthaltsamkeit von negativen Energien ist also gefordert. Sie liegt auch nicht in der selbstgefälligen Zufriedenheit der heuchlerischen Rechtschaffenheit. Es geht vielmehr um eine Demut. Die Demut der Erkenntnis, dass wir selbstlos ein ethisch-moralisches, barmherziges Leben führen sollen, um anderen helfen zu können.

76:9 Wir speisen euch nur um Gottes Angesicht willen. Wir möchten von euch weder Entgelt noch Dank

Hanif-Übersetzung

In dieser Bewusstwerdung während der Enthaltsamkeit liegt wahrhaftig ein innerer Frieden. Ist es nicht aufregend, die lebensbejahende Hoffnung zuzulassen, welche den Hass und die Ungerechtigkeit überwindet und den Schmerz und die Wut in Zuversicht verwandelt? Wir alle haben die Möglichkeit, den Samen der Hoffnung für eine bessere Zukunft zu setzen, anstatt von der Vergangenheit geplagt zu werden.

In der Gottergebenheit lebt die Hoffnung immerfort.

christen sagen muslimen

Christen sagen Muslimen, wo es langgeht?

Der katholische Theologe Mariano Delgado sagt, der Islam brauche eine Theologie des Einbezugs anderer Religionen. Gottfried Locher meint, Muslime hätten sich wenn nötig stets erneut von Gewalt zu distanzieren und der Islam kenne keine Gleichberechtigung. Der christliche Religionswissenschaftler Michael Blume glaubt gar, der Islam sei in der Krise und hat dazu ein Buch veröffentlicht. Beispiele wie diese gibt es unzählige und sind vielfältiger Natur.

Die erste emotionale Reaktion von gottergebenen (muslimischen) Frauen und Männern kann vielfältig sein und mitunter auch Empörung hervorrufen. Einen Ausruf wie „Christen sagen Muslimen, wo es langgeht? Geht’s noch, wieso mischen die sich ein?“ konnte ich auch schon mal vernehmen. Diese Beispiele werfen eine allgemeine Frage auf.

 

Dürfen christliche Theologen Muslimen sagen,
mit welchen Themen sie sich theologisch beschäftigen sollten?

Diese Beispiele und auch viele andere sind keine Überraschung, da wir in pluralistisch geprägten Gesellschaften leben. Vielfalt ist, wenn wir damit richtig umgehen können, ein Segen für uns alle. Dort, wo nur noch Einheit und vor allem geistige Isolation vorherrscht, ist Stillstand vorprogrammiert. Wir brauchen also den wohlwollenden Widerspruch und die konstruktive Kritik unserer Mitmenschen und nicht nur den unserer direkten, gottergebenen Geschwister. Was ist jetzt mit wohlwollend gemeint? Wie können wir sicherstellen, ob bspw. eine christliche Theologin oder ein feurig redender Atheist die Aussagen wohlüberlegt formuliert? Was, wenn diese im Hinblick auf die Wirkung und den Rückhalt in der eigenen Gemeinschaft von sich gegeben werden? Wie können wir sicherstellen, dass eine Gruppe oder ein Mensch nicht marginalisiert und bedrängt wird? Etwa durch unberechtigte, teils feindlich gesinnte, populistische Kritik. Diese Problematik greift auch Houssam Hamade auf seiner Webseite auf:

 

„Kritik“ an anderen kann dazu dienen, die eigene Gruppe zu vereinen und Selbstkritik abzuwehren. Als schlecht gelten dann immer die Anderen. Sie sind das Schwarz, das unser Weiß heller scheinen lässt. Und die Idee, der Islam sei eine Religion der Gewalt, ob sie wahr ist oder nicht, erzeugt eine tiefgreifende und messbare Stigmatisierung der Muslime oder derjenigen, die muslimisiert, die also überhaupt erst in die Rolle des muslimisch seins gedrängt werden. Männlichen Muslimen wird so unterstellt, dass sie rückständig und aggressiv seien, Musliminnen hätten angeblich kein Rückgrat und die würden die Logik ihrer Unterdrücker verinnerlichen. An dieser Marginalisierung ändert auch die Behauptung nichts, die Kritik des Islam könne getrennt von der Kritik an Muslimen gedacht werden, wie auch der Champion der deutschen Islamkritik (und der ungenauen Analyse) Hamad Abdel-Samad argumentiert. Analog ließe sich dann auch sagen, wer gegen Faschismus sei, müsse Faschisten nicht unbedingt ablehnen. Das kann nicht überzeugen.

 

Was finden wir in der Lesung dazu?

Was ist aber eine koranisch begründbare Vorgehensweise in dieser Frage? Aus einigen Stellen der Lesung (Koran) entnehmen wir, dass wir vorerst keinen Filter einsetzen dürfen. Wir müssen jeder Aussage, gleich welchen Geschlechts, welcher religiöser Anschauung und Charakters, dasselbe Gewicht schenken. Die inhaltliche Auseinandersetzung ist wichtiger als die Person oder die Gesinnung. Wir sind also angehalten, argumentum ad hominem und ad populum zu vermeiden. Dabei dürfen wir jedoch nicht naiv sein und ein Wohlwollen einfach blind voraussetzen. In denselben Stellen ermahnt uns Gott nämlich dazu, dem Besten aus den Aussagen zu folgen. Dies nachdem wir ein Verständnis entwickelt haben. Wir setzen also eine intensive, sachliche Auseinandersetzung mit allen Gesprächspartnern voraus. Siehe exemplarisch die Verse 39:18, 2:44, 17:36 und 10:39.

Im Rahmen dieser Denkarbeit entwickle ich Antworten, die mir in erster Linie selbst zugute kommen. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall. So nehme ich Herrn Delgado primär in seiner Aussage nicht als christlichen Theologen wahr. Ich vermute nichts über seine Absichten, wenn er Sätze mit „Der Islam braucht“ beginnt. Auch dann nicht, wenn er vorschlägt, welche Arbeit muslimische Theologen primär angehen sollten. Ich zwinge mich sozusagen, mich allein auf den Inhalt seiner Aussagen zu beziehen. Ich versuche sie zu verstehen und dahingehend zu prüfen, ob er gewissermaßen Recht haben könnte oder nicht. Im Rahmen dieser geistigen Denkarbeit entwickle ich dann Antworten, die mir in erster Linie selbst zugutekommen. Ich habe dabei nämlich im besten Fall neue Erkenntnisse gewonnen und Möglichkeiten, mich in meiner Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Die Beschäftigung lohnt sich also auf jeden Fall für mich.

 

Meine Antworten werden dadurch besser

Dann kann ich, ohne persönlich zu werden (argumentum ad hominem), in aller Ruhe, aber mit Klarheit antworten, dass wir nicht so ohne Weiteres von „dem“ Islam sprechen können. Die Gottergebenen haben sich nicht unermüdlich von Gewalt zu distanzieren. Sie können stattdessen ihre Position öffentlich kundtun, wie sie grundsätzlich zur Gewalt stehen. Wir haben uns nicht dafür zu rechtfertigen, dass es keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe. Vielmehr können wir aufgrund unserer Sachkenntnis mitteilen, wie eine systematisch aufgebaute Lesart uns zur kritischen Selbstreflexion zwingt. Diese Lesart kann die Gleichberechtigung nicht nur fordern und fördern, sondern vorantreiben.

Dieselbe Lesart zeigt uns nämlich auch, dass die Lesung („Koran“) zahlreiche Verse beinhaltet, die andere Religionen aktiv miteinbezieht. Es gibt bereits Jugendgruppen, die auch in einen aktiven, friedlichen interreligiösen Dialog treten. Sie diskutieren auch darüber, inwiefern Andersgläubige ihr Seelenheil erhalten können. Sind wir also gar bereits weiter, als Delgado glaubt?

 

Gegenseitiges Zuhören ist eine Voraussetzung

Wir dürfen dann erwarten, dass unsere Ansichten künftig nicht nur wahrgenommen werden, sondern dass man proaktiv auf sie hinweist. Diese Position erlaubt einen allgemeinen Austausch, ohne dass wir in allen Bereichen selbst Experten sein müssen. Wir haben nicht zu befürchten, dass andere unsere Ansichten ablehnen, allein weil wir uns selbst gottergeben oder christlich nennen. Die Ansichten von Kennern sollten wir eingehend studieren. Wir sollten selbst, sofern wir Kenner sind und dies auch sachlich zeigen können, Beachtung für unsere Ansichten erhalten. Ein ergebnisoffener Austausch bringt die Gesellschaft meines Erachtens insgesamt weiter.

Insofern dürfen und sollen alle Menschen, nicht nur Theologen, uns Gottergebenen sagen können, womit wir uns zu beschäftigen haben. Die inhaltliche Auseinandersetzung und die selbstgerichtete Aufklärungsarbeit befähigt uns für weitere Entscheidungen. Dadurch wissen wir, ob wir in diese Richtung gehen wollen, sollen, müssen oder nicht.

So ist es eine willkommene Gelegenheit, die Thesen des Religionswissenschaftlers Michael Blume zur sachlichen Diskussion zu stellen. Er vertritt durchaus denkwürdige Positionen. Genauso ist es wünschenswert, dass muslimische Theologen ihren Mitmenschen gegenüber in der Kritik wohlwollend, konstruktiv und vorwärtsgerichtet auftreten. Auch die Gottergebenen können dann zeitweise den Ton angeben zum Wohle der gesamten Gesellschaft.

Alles in allem können wir bei einer inhaltlichen Auseinandersetzung nur gewinnen. Und wer möchte schon kein Gewinner sein?


Verse aus der Lesung

2:44 Befehlt ihr den Menschen die Aufrichtigkeit und vergesst euch selbst, wo ihr doch die Schrift vortragt. Versteht ihr nicht?

10:39 Nein, sie erklären für Lüge das, wovon sie kein umfassendes Wissen haben, und bevor seine Deutung zu ihnen gekommen ist. So haben es auch diejenigen, die vor ihnen lebten, für Lüge erklärt. So schau, wie das Ende derer war, die Unrecht taten.

17:36 Und verfolge nicht das, wovon du keine Kenntnis hast. Wahrlich, das Ohr und das Auge und die Vernunft – sie alle werden zur Rechenschaft gezogen.

39:18 Diejenigen, die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen. Das sind die, die Gott rechtleitet, und das sind die Einsichtigen.

Dschihad im Islam: Sei ein barmherziger Samariter!

Ich suche Zuflucht beim Herrn vor dem verstoßenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen

 

96:1 Lies, im Namen deines Herrn, der erschuf.

 

Dieser Satz soll gemäß Volksglauben den ersten offenbarten Vers der Lesung (arabisch: Koran) verkörpern. Doch die Mehrheit der Gottergebenen (arabisch: Muslimūn) hat diesen „ersten“ göttlichen Ratschlag vergessen. Wir sind nicht mehr geübt im Lesen der Zeichen und Verse (āyāt) der Lesung und der Natur. Die Gottergebenen müssten die Literatur, die Dichtkunst und das Schreiben allgemein wie auch die technologischen, geistigen und naturwissenschaftlichen Bereiche anführen, wenn sie den Worten Gottes wahrhaftig folgten. Aber wir kennen meistens nicht einmal unsere eigene Religion oder die Lebensordnung (dīn) der Gottergebenheit (islām) aus der Lesung gut genug, so dass sich in manchen Gesichtern ein Ausdruck des Unglaubens entfaltet, wenn sie mit den Worten Gottes konfrontiert werden. Sie sind überrascht, weil die Offenbarung Gottes ihrem traditionellen, kulturell beeinflussten Glauben widerspricht.

Nicht zuletzt aus diesem Grund lassen sie es zu, dass arabische Wörter wie Dschihad ihrer positiven Bedeutung beraubt und zu etwas abgewandelt werden, das dem Wesen der Offenbarung widerspricht. Sie lassen es zu, dass die offizielle Religion gegen die von Gott offenbarte Lebensordnung verwendet wird, obwohl uns der Barmherzige ausdrücklich davor warnt:

 

31:33/35:5 und lasst die Täuschung euch nicht in Gott täuschen!

 

Diese Aussage ist so wichtig, dass sie nicht nur einmal, sondern in gleichem Wortlaut auch in 35:5 vorkommt und sinngemäß in 57:14 wiederholt wird. Doch wir ließen uns leider täuschen, und Gott wusste das.

 

57:14 Sie rufen ihnen zu: Waren wir etwa nicht mit euch. Sie sagten: Doch, aber ihr verführtet euch selbst, ihr wartetet ab, zweifeltet und die Wünsche täuschten euch, bis der Befehl Gottes kam. So ließ euch die Täuschung in Gott täuschen

82:6 Du Mensch! Was hat dich bezüglich Deines großzügigen Herrn täuschen lassen?

 

Wir haben die Pflicht, unsere Augen zu öffnen, die Täuschung zu erkennen und zur Gottergebenheit zurückzukehren (5:105). Wir werden, so Gott will, zu einer neuen Generation von Gottergebenen, welche es nicht mehr zulässt, dass Dinge im Namen Gottes angeordnet werden, die Gott nie angeordnet hat.

 

42:21 Oder haben sie etwa Beigesellte, die ihnen von der Lebensordnung als Scharīʿah bestimmt haben, was Gott nicht erlaubt hat? …

 

Welch eine Wortwahl ist in diesem Vers doch zu erkennen, die die Weisheit Gottes zeigt! Im Vers wird das Verb „scharaʿa“ (verordnen, besitzt den gemeinsamen Wortstamm wie scharīʿah) im Zusammenhang mit der Lebensordnung (dīn) verwendet. Somit vermischen diese Täuscher ihre eigene Lebensweise mit den Geboten Gottes aus der Lesung. Sie reden so, als ob sie fromme Gläubige seien, doch in Wahrheit entfernen sie uns von Gott. Die von den Menschen erfundene Scharīʿah wird von Gott höchstpersönlich abgelehnt! Darüber hinaus wird sie mit der Beigesellung (schirk) in Verbindung gebracht. Den aufmerksamen Gottergebenen, die die Schrift kennen, läuten hier sämtliche Alarmglocken, da die Beigesellung die einzige unverzeihliche Sünde darstellt (4:48, 4:116).

Es ist deshalb an der Zeit, dass wir die menschliche, irreführende Verordnung, die sie auch Scharīʿah nennen, trennen von den Anordnungen, der Scharīʿah Gottes. Es ist an der Zeit, dass wir zur Gottergebenheit zurückkehren – zur Gottergebenheit aus der von Gott offenbarten Lesung. Dies erreichen wir, indem wir die Begrifflichkeiten aus der Lesung politisch und theologisch zurückerobern. Es ist an der Zeit, die an uns offenbarte Schrift von den falschen Gelehrten, Autoritäten und den Tyrannen zurückzuerobern, die sie missbrauchen!

 

Den Dschihad lieben lernen

Das Wort „Dschihād“ wird selbst auch von Gottergebenen oft missverstanden. Es ist für den Kenner offensichtlich, dass Dschihad kein „blutrünstiger Kampf“ oder ein „heiliger Krieg“ ist. Diese Fehlübersetzungen sind nicht einmal in der Nähe der wörtlichen Bedeutung. „Kampf“ ist qitāl (قتال) und „heiliger Krieg“ lautet al-ḥarbu l-muqaddasah (الحرب المقدسة) auf Arabisch. Sehen Sie hier irgendwo eine Ähnlichkeit zum Wort Dschihad? Nein? Gut, ich nämlich auch nicht.

Der Dschihad ist vielmehr die Bemühung gegen jegliche blutrünstige Kämpfe. Dschihad ist der schnellste Weg zum Frieden und zur Barmherzigkeit. Dschihad ist ein Ausdruck des Mitgefühls gegenüber den Bedürftigen und Schwachen. Die Quelle für Dschihad liegt in Gott und Seiner allumfassenden Liebe und Barmherzigkeit. Dschihād ist der Schutz vor dem Ungerechten. Dschihad ist – richtig verstanden – ein Segen für die Menschheit, sowohl in Bezug auf das Zusammenleben mit Anderen als auch für einen selbst.

Die Gottergebenen sind von der Vernunft (10:100, 8:22, 2:44) und der Barmherzigkeit geleitete, selbstkritische Seelen (3:134, 42:36-43, 75:2). Denn sie sind sich bewusst, dass die Barmherzigkeit sehr wichtig ist, da sich Gott selbst Barmherzigkeit vorschrieb (6:12). Diese barmherzige Seele des Gottergebenen entwickelt sich spirituell wie auch wissenschaftlich weiter (17:36, 39:18, 10:100, 35:27-28). Deshalb ist sie ein Segen für alle Menschen und nicht nur für die Person selbst, die eigene Familie oder die eigene Gemeinschaft.

Wir sind als Gottergebene verzeihend, da wir uns wünschen, dass Gott uns auch vergibt (24:22). Gott ist voller Vergebung, Liebe und Erbarmen (85:14). Unser Weg ist demzufolge auch die Barmherzigkeit (3:134, 7:199, 15:85, 41:34-35, 42:43). Und weil Verzeihen schwieriger, aber dafür umso besser ist, ist es ein Dschihad (42:37,40). Aus diesem Grund sandte Gott den Propheten Muhammad aus Seiner Barmherzigkeit heraus für alle Welten (21:107). Denn nicht die Person Muhammad selbst, sondern die Botschaft der Lesung ist eine Heilung und eine Rechtleitung für uns (41:44).

 

Dschihad als Wort

Die Wurzel des Wortes Dschihād ist dsch-h-d (‏ج ه د‎) und kommt in der Lesung insgesamt 41 Mal in 36 Versen wie folgt vor:

  • 27 Mal (2:218, 3:142, 5:35, 5:54, 8:72, 8:74, 8:75, 9:16, 9:19, 9:20, 9:41, 9:44, 9:73, 9:81, 9:86, 9:88, 16:110, 22:78, 24:53, 29:6 (2x), 29:8, 29:69, 31:15, 49:15, 61:11, 66:9) als dritter Verbstamm dschāhada (جَٰهَدَ): sich bemühen, abmühen
  • Viermal (4:95 (3x), 47:31) als aktives Partizip des dritten Verbstammes mudschāhidīn (مُجَٰهِدِين): abmühend, sich bemühend
  • Viermal (9:24, 22:78, 25:52, 60:1) als das Verbalnomen des dritten Verbstammes dschihād (جِهَاد): Bemühung
  • Einmal (9:79) als das Nomen dschuhd (جُهْد): Mühe, Engagement
  • Fünfmal (5:53, 6:109, 16:38, 24:53, 35:42) als das Verbalnomen dschahd (جَهْد): Einsatz, (intensive) Abmühung

Noch einmal zur Verinnerlichung werden die Bedeutungen dieser Abmühung, wie sie koranisch gesehen sinngemäß vorkommen, aufgezeigt:

  • sich mit aller Kraft für etwas einsetzen
  • etwas hart erarbeiten, sich anstrengen, abmühen, abrackern
  • sich kräftig, fleißig, sorgsam oder eifrig engagieren
  • mit äußerstem Einsatz mit Leib und Seele für eine Sache einstehen
  • sich abplagen, viel durchmachen, ermüden durch intensives Abmühen
  • etwas auf sich bürden, etwas ertragen
  • sich durch Schwierigkeiten quälen oder ringen

 

Dschihad als Lebensweise

Viel wichtiger als der rein sprachliche Aspekt des Wortes ist die nähere Bedeutung durch die Verwendung in der Lesung. Der wichtigste und wohl der am meisten missverstandene Ausdruck aus der Lesung ist „die Bemühung auf dem Wege Gottes“ (al-dschihād fī sabīli-llāh). Dies ist nämlich nichts anders als der Versuch, Gottes Willen zu erkennen und umzusetzen und Seiner achtsam zu sein (taqwà), während man noch auf der Suche nach der Wahrheit ist:

 

22:78 Und bemüht euch für Gott in wahrhaftiger Abmühung. Er hat euch erwählt. Und Er hat euch in der Lebensordnung keine Bedrängnis auferlegt. Dies ist die Gemeinschaft eures Vaters Abraham. Er hat euch schon früher Gottergebene (Muslime) genannt und nun in diesem (Buch), auf dass der Gesandte Zeuge über euch sei und ihr Zeugen über die Menschen seid. So haltet den Kontakt aufrecht, steuert zur Verbesserung bei und haltet an Gott fest. Er ist euer Beschützer: welch vorzüglicher Beschützer und welch vorzüglicher Helfer!

 

Die Bemühung, also der Dschihad auf dem Wege Gottes hat vor allem mit dem Kontakt (salāh) zu Gott und mit der Verbesserung sozialer Umstände (zakāh) zu tun und geschieht auch nicht nur durch Einzelne. Wir müssen uns gegenseitig darin unterstützen, für soziale Verbesserung in den Gesellschaften zu sorgen, in denen wir leben (2:215, 2:197, 3:104, 5:2, 45:15, 99:7, Kapitel 103, Kapitel 107). Dies ist die gemeinsame Abmühung, der gemeinsame Dschihad. Die Bemühung ist der Weg zur Liebe. Die Bemühung umfasst unseren Einsatz und unsere Anstrengungen, Bedürftigen Wärme, Schutz und Geborgenheit zu bieten. Dschihad ist deshalb auch schon ein freundliches Lächeln, wenn niemand lächeln will. Es ist genauso eine Bemühung, ein friedliches und freundliches Wort für jene Menschen zu haben, die uns beleidigend ansprechen (25:63). Also steht der Dschihad für eine Selbstbeherrschung im Sinne des Friedens.

 

Dschihad und Krieg?

Die sogenannten Muslime dürfen sich hier einmal selbstkritisch betrachten. Es ist nämlich viel zu einfach und meistens auch falsch „die westlichen Medien“ oder „die westlichen, politischen Mächte“ für eine „Verzerrung des Islām“ verantwortlich zu machen und plump den Satz „das hat mit dem Islām nichts zu tun“ zu wiederholen. Dadurch schieben wir die Schuld von uns und begnügen uns mit unserer eigenen Weltanschauung, ohne die Argumente durchleuchtet zu haben. Wir geben unsere Verantwortung der Selbstaufklärung und der Wissensaneignung dadurch viel zu leichtfertig ab. Deshalb seien hier zwei negative Beispiele aus der muslimischen Tradition erwähnt, um zu verdeutlichen, dass sich gewisse gewalttätige Gruppierungen eben nicht durch westliche Medien, sondern hauptsächlich durch die traditionelle Literatur beeinflussen ließen.

 

Dschihad gemäß sunnitischer Tradition

Die Frage kann gestellt werden, wieso selbst gewisse frühe Gelehrten wie Asch-Schaibānī (Das große Buch der Kriege) aus dem späten achten Jahrhundert glaubten, Dschihad sei ein Angriffskrieg zur Bekehrung von Andersgläubigen. Sie waren zumindest so weit gebildet, dass sie die gesamte Lesung studieren konnten. Die meisten Gelehrten lernten sie sogar komplett auswendig. Asch-Schaibānī ist auch keine Randfigur in der Tradition, sondern ein Mitbegründer der hanafītischen Rechtsschule, eine der vier Rechtsschulen im Sunnitentum.

Es darf nicht vergessen werden, dass die Menschen die Lesung und somit das Wort Gottes interpretieren müssen. Ohne eine schlüssige Herangehensweise an den Text kann man jedwede Art der Interpretation irgendwie rechtfertigen. Allein wenn wir das Vorgehen akzeptieren, immer den gesamten Text aus der Lesung im Zusammenhang zu berücksichtigen, können wir diese menschenfeindliche Position von Asch-Schaibani niemals als eine Gott ergebene (auf Arabisch: islamische) Haltung bezeichnen. Zu viele andere Textstellen stehen dazu im Widerspruch (alleine 2:256 reicht aus, weitere: 10:99, 18:29, 88:21-22, 60:8-9).

Ein weiteres negatives Beispiel für eine falsche Herangehensweise ist der Theologe As-Sarachsī (11. Jahrhundert). Die Meinung von As-Sarachsi zeigt, wie vorsichtig wir in der Methodik sein müssen. Er glaubte irrtümlicherweise, dass der Dschihād nur in den Anfangsphasen eine eingeschränkte Bedeutung erhielt, in der die Beigeseller nur ignoriert werden sollen. Der Dschihād sei künftig gleichzusetzen mit dem Gebot zum Kampf, wobei sämtliche Beigeseller zu bezwingen seien. Dies würdige seiner Meinung nach die Religion selbst! Und genau auf eine solche Art der Interpretation stützen sich die Extremisten.

 

Weitere traditionelle Ansichten

Es gibt natürlich auch viele andere Ansichten in der sunnitischen Literatur, welche im Mainstream-Islām verbreitet sind, wie z.B. die Unterscheidung zwischen großem und kleinen Dschihad. Der kleine umfasse die kriegerische Handlung und der große meine die Arbeit an sich selbst, das Ausmerzen von allem Schlechten, wie Wut, Zorn oder Hass. Darüber hinaus gibt es noch viele Versuche, den Dschihād zu kategorisieren in Unterbereiche wie:

  • Dschihād der Seele (dschihād bi-n-nafs)
  • Bemühung der Zunge (dschihād bi-l-lisan)
  • Dschihād des Stiftes (dschihād bi-l-qalam)
  • Bemühung des Wissens (dschihād bi-l-ʿilm)

Solche Unterteilungen können aber sehr unterschiedlich sein und sind meist nicht koranisch belegt.

Es gibt zudem einen Ausspruch (Ḥadīṯ), wonach man sich gegen „das Üble“ in folgender Reihenfolge wehren sollte: Hand, Zunge und Herz (Riyāḍ uṣ-Ṣāliḥīn Nr. 184). Zuerst sollte man aktiv das Üble mit eigener Hand ändern, wenn nicht möglich, dann gegen die Ungerechtigkeit mündlich (Zunge) protestieren und zuallerletzt im Herzen rebellieren. Dieser Ausspruch ist höchst problematisch, da er auf diese uneingeschränkte Art eine Religionspolizei einfordert, wenn es eine sunnitische oder schiitische Regierung geben sollte. Denn eine solche Regierung hat die Mittel und die Wege aktiv (Hand) vorzugehen, um in ihren Augen Übles vorzubeugen. Dadurch wären die Rechte von Andersdenkenden, Andersgläubigen, Homosexuellen nicht mehr gewährleistet, wie wir leider heute schon in gewissen Ländern beobachten können.

 

Dschihad und Verteidigungskrieg in der Lesung

Wir sehen nun die Notwendigkeit, sämtliche Verse aus der Lesung miteinander in Verbindung zu bringen. Es reicht nicht aus, einzelne Verse oder Themenbereiche in einen vermuteten, künstlich erstellten zeitlichen Rahmen zu setzen. Die historische Kontextualisierung kann also im Ansatz nur Vermutungen, weitere Verwirrungen oder mitunter gar anti-islamische Haltungen hervorbringen, wie wir soeben gesehen haben. Gott sagt uns bereits in der Lesung, dass Sein Wort dazu herabgesandt wurde, um alles zu erklären (16:89).

Es wird uns nirgends in der Lesung erlaubt, Angriffskriege zu führen. Natürlich bedeutet aber die Abmühung unter anderem auch, dass wir mit Leib und Seele für die Gerechtigkeit kämpfen müssen. Dies kann auch zur Folge haben, dass wir einen Verteidigungskrieg zu führen haben. In solch einer prekären Lage ist es auch ein Verrat an der Menschlichkeit, wenn wir die existenzielle Bedrohung von unschuldigen Menschen aufgrund eines naiven Pazifismus ignorieren. Deshalb sollten wir die Selbstverteidigung als eine Selbstverständlichkeit ansehen, auch wenn es mich eine innere Überwindung kostet, die erhöhte Wahrscheinlichkeit meines Todes eher in Kauf zu nehmen als meinen „natürlichen“ Tod. Das, obwohl wir nicht wissen können, wann wir sterben werden!

Daher kommt auch die Verknüpfung zwischen der Bemühung und einer speziellen kriegerischen Handlung zum Zwecke der Selbstverteidigung, um der Auslöschung der eigenen Existenz und der eigenen Gesellschaft entgegen zu treten (22:39-40; in diesen Versen wird das Wort für Kampf, also qitāl und nicht dschihād verwendet). Wir sollten aber stets ein friedliches Zusammenleben anstreben (2:208, 4:114, 8:61, 10:25, 60:7). Auch im Krieg gilt die Selbstbeherrschung (2:190-193) als Zeichen der innerlichen Abmühung.

 

Dschihad bedeutet Menschenliebe

Die Gottergebenheit besteht nicht nur aus der gegenseitigen Liebe zwischen Gott und Mensch, wobei Gott uns weitaus mehr liebt. Niemand ist ohne Sünde, so dass er ohne eine Vergebung seitens Gottes auskommt (35:45, 16:61). Da Gott Barmherzigkeit vor Gerechtigkeit walten lässt, können wir sicher sein, dass Er uns mehr liebt als wir Ihn (85:14, 6:12). Diese Verbundenheit sollten wir auch zwischen den Menschen pflegen. Gott ergeben zu sein bedeutet, die Menschen mehr zu lieben, als dass sie uns lieben (3:119, 59:9, 76:8-9). Weil wir ungeduldig und geizig sind, ist es umso schwieriger und eine größere Abmühung, weshalb eben diese Abmühung mit der Geduld verbunden ist (2:267, 3:92, 3:134, 3:142, 4:36).

Die Abmühung ist des Weiteren mit Empathie und Wohlwollen verbunden. Da wir großzügig von Gott beschenkt wurden, können wir diese Großzügigkeit auch den Menschen zukommen lassen (2:273, 24:22, 31:18). Dies äußert sich zum Beispiel in der Familie dadurch, dass wir unsere Eltern mit Güte behandeln müssen (29:8). Wir dürfen es aber nicht übertreiben mit der Liebe und blind werden. Wenn wir dazu gedrängt werden, die islamischen Prinzipien irgendwie weltlichen Bedürfnissen anzupassen, dürfen wir dem nicht nachgeben.

 

Dschihad bedeutet Gerechtigkeit

Wir dürfen um der Gerechtigkeit willen nicht die Menschen lieben, die tyrannisch Unschuldige aus ihren Häusern vertreiben (60:1). Liebe zu Gott bedeutet auch Liebe zur Gerechtigkeit über alle sozialen Stufen hinweg. Gott ist unser Zentrum und wir müssen mit unserem Dschihād unser Licht vervollkommnen und Gottes Barmherzigkeit verkünden. Die Vervollkommnung unserer Seele beinhaltet auch die moralische Läuterung, die Reflexion und die Kenntnis über unser eigenes Wesen. Dies führt dann dazu, dass wir unbeeinflussbar für die Gerechtigkeit einstehen (3:104, 3:110, 4:135, 5:78-81, 5:105, 7:165, 7:199, 9:71, 29:69, 99:7). Die Läuterung (zakāh) ist dermaßen wichtig, dass Gott Seine Barmherzigkeit davon abhängig macht, ob wir zur Läuterung oder in anderen Worten zur Verbesserung gesellschaftlicher Umstände beitragen oder nicht (7:156). Unser Bestreben sollte zu jeder Zeit sein, dem Frieden zugeneigt zu sein (8:61) und die Selbstvervollkommnung im Sinne Gottes anzustreben, selbst wenn wir dabei auf Feindseligkeiten stoßen:

 

5:8 O ihr, die ihr glaubtet, steht zu Gott als Zeugen für die Gerechtigkeit! Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist näher zur Achtsamkeit. Und seid Gottes achtsam, denn Gott ist kundig dessen, was ihr tut.

 

Deshalb: Liebe den Dschihād und sei ein Mudschāhid!

Oder zu gut Deutsch: Liebe die Bemühung und sei ein Bemühender, indem du ein barmherziger Samariter bist!

Gelehrte, Mehrheiten und Rechtleitung

Ich suche Zuflucht bei dem Herrn vor dem verworfenen Satan,
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen,
Frieden sei mit uns allen,

in der allgemein muslimischen Mentalität hat sich mittlerweile ein traditionelles Mantra etabliert, wonach man die Lesung (deutsch für „Koran“) erst dann verstehen könne, wenn man den Islam studiert habe, als ob es nur den einen Islam gäbe. Dieses nicht näher definierte, dennoch als Voraussetzung verlangte Studium wird dann oftmals mit Gelehrten der jeweils eigenen Strömung oder Rechtsschule in Verbindung gebracht, um festzulegen, dass nur diese die Lesung hinreichend erklären und beurteilen könnten. Wir werden uns in diesem Artikel der Frage widmen, ob Gelehrte oder irgendeine Mehrheit zur Rechtleitung verhelfen können. Dabei wird allein die Lesung als religiös-normative Quelle herangezogen.

Die meisten sind sich leider nicht bewusst, dass sie durch einen Gelehrtengehorsam fälschlicherweise glauben, die Verantwortung vor Gott an die Gelehrten abgeben zu können. Diese werden am Jüngsten Tag ein böses Erwachen erleben, wenn sie all die, die sie für ihre eigene Irreführung verantwortlich machen, am liebsten selbst bestrafen möchten (41:29). Doch bereits heute klärt uns Gott darüber auf, dass Gelehrte, wenn wir sie zu unseren Gefährten der religiösen Aufklärung zählen, öfters dem Zeitgeist statt der Wahrheit folgen (41:25-26).

 

Liegt eine Mehrheit dermaßen falsch?

Grundsätzlich ist es nicht verwerflich sich eine Meinung zu bilden, welche auf einem Konsens aufbaut oder mit denen der meisten Experten des entsprechenden Fachgebiets übereinstimmt. Vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern ist dies eine gängige Praxis. Dies sollte jedoch nur ein Zwischenschritt sein, denn Argumente generell über Mehrheiten zu definieren kann zu falschen Ergebnissen führen – selbst oder gerade auch in naturwissenschaftlichen Fächern, die darauf aus sind, alles und jeden zu hinterfragen.

Die Lesung ist kein naturwissenschaftliches Buch. Einen Konsens in ihrer Auslegung zwischen „den meisten Experten“ zu finden ist auch praktisch nicht möglich. Als Beispiel seien dazu nur die zwei größten Strömungen der Gottergebenheit genannt, Sunniten und Schiiten, die sich in nicht wenigen Punkten wesentlich unterscheiden. Am Ende des Kapitels „Die Bezeugung als Heilmittel“ des kostenlos herunterladbaren Buches Schlüssel zum Verständnis des Koran finden wir eine ausführliche Auflistung zu entsprechenden Versen. Ein weiteres Beispiel sei auch hier angeführt:

 

12:21 … Aber die meisten Menschen wissen nicht. (Siehe auch 7:187, 12:40, 12:68, 16:38, 30:6, 34:28, 34:36, 40:57, 45:26)

 

Eindringlich wird in all diesen Versen klar gestellt, dass eine Mehrheit keinesfalls als Argument dienen kann, wenn doch die meisten Menschen bereits vor Gott selbst nicht wissen können, nicht glauben, nicht dankbar wie auch blind sind (vgl. auch 12:103-106). Dazu empfehlen wir die Begriffe argumentum ad populum und argumentum ad hominem näher anzuschauen.

Das Resultat dieser Missstände ist in den Geschichten der Propheten und Gesandten der Lesung beschrieben (Noah: 10:73, Hud: 46:25, Salih: 11:67, Lot: 11:82, Schuaib: 11:94). Wir sollten wie das Volk von Jonas zuvor die Ermahnung Gottes ernst nehmen, damit wir auch auf der Erde erfolgreich sind (10:98). Unentwegt werden die in der Lesung erwähnten vorangegangenen Völker getadelt (vgl. auch Kapitel 54). Sie dienen uns als Lehre und als Werkzeug, unsere eigenen Taten zu überprüfen, damit wir nicht dieselben Fehler wiederholen (12:111). Nichts ist schlimmer für die Wahrheitsfindung als die Täuschung, bereits die Wahrheit gefunden zu haben, wobei man sie noch nicht fand.

 

43:36-37 Wer für die Ermahnung des Allerbarmers blind ist, dem verschaffen Wir einen Satan, der ihm dann zum Gesellen wird. Und sie halten sie wahrlich vom Weg ab, und diese meinen, sie seien rechtgeleitet. (Vgl. auch 107:4-6, 29:10-11, 3:116-121, 5:41)

 

Nicht einmal der Prophet wusste zu unterscheiden zwischen den wahrhaft Gläubigen und den Ableugnern, die sich selbst oder andere täuschen (9:90, 9:101, 2:8-9). Aufgrund dieser Unkenntnis wird der Prophet am Jüngsten Tag verblüfft sagen:

 

25:30 … „O mein Herr, mein Volk hat diesen Koran verlassen!“

 

Dass manche Heuchler nicht mal dem Prophet bekannt waren (9:101) wirft eine gänzlich neue Problematik auf bezüglich der traditionell als „unfehlbar“ geltenden Gefährten des Propheten. Als wirklich überzeugte Gottergebene ist es deswegen eine Pflicht, sich keinesfalls auf Mehrheiten zu verlassen. Insbesondere ist Vorsicht bei der Sekundärliteratur geboten, die von den Gefährten des Propheten und ihren Aussagen und Taten handeln. Diese Quellen können schon allein aufgrund der Tatsache, dass sie eine Vermutung darstellen, nicht als religiös verpflichtende Quelle akzeptiert werden. Die Lesung fordert uns auf, Mutmaßungen zu meiden (49:12), unseren Verstand zu benutzen (10:100) und jede Behauptung zu überprüfen (17:36). Die blinde Befolgung von Vorvätern wird von Gott in der Lesung streng getadelt (2:170, 5:104, 7:28, 7:70-71, 7:95, 7:173, 10:78, 11:62, 11:87, 14:10, 21.53, 26:74, 28:36, 31:21, 43:22-23).

Die Lesung ist laut Eigenaussage nicht nur ein Buch für Gelehrte, sondern eine universelle Botschaft für alle Menschen, egal welchen Bildungsstand oder Status sie auch besitzen mögen:

 

4:79 …Und Wir haben dich als Gesandten für die Menschen gesandt. (Vgl. auch 3:108, 6:90, 12:104 und 21:107)

 

Unbestreitbar wird aus dem Vers ersichtlich, dass der Gesandte und somit seine Botschaft, die Lesung, an alle Menschen und nicht nur an eine bestimmte elitäre Gruppe von Gelehrten gesandt ist. Die Verse 3:79-80 der Lesung sind darüber hinaus eine klare Anweisung an alle Menschen, die Lesung zu lernen und auch anderen zu lehren! Dazu ist es natürlich legitim und hilfreich die Meinungen anderer einzuholen, auch von Gelehrten, um von ihnen zu lernen und sich weiterzubilden (39:18). Eine blinde Befolgung von Gelehrten ohne ihre Argumente zu hinterfragen und zu überprüfen ist mit der Lesung jedoch nicht vereinbar:

 

17:36 Und verfolge nicht das, wovon du kein Wissen hast. Gewiss, Gehör, Augenlicht und Herz, – all diese -, danach wird gefragt werden. (Vgl. auch 2:78, 9:31, 10:66, 45:24, 45:32 und 49:12)

 

Somit muss das erworbene Wissen stets überprüft werden, um damit Schlussfolgerungen tätigen zu dürfen. Argumente wie: „die Meisten sagen aber“ oder „ein bestimmter Scheich sagt dazu“ sind nicht zulässig. Die Lesung kritisiert solche Meinungen vehement (2:170, 6:116, 7:17, 7:179, 11:17). Die Wahrheit misst sich nicht an Mehrheiten, bestimmten Gruppen oder bestimmten Menschen, sondern lediglich am Gehalt einer Aussage.  Eine Ansicht ohne eine jegliche Hinterfragung anzunehmen oder sich blindlings Mehrheiten anzuschließen kann unmittelbar zu falschen Auffassungen über die Lebensordnung (Religion) führen. Beispiele dazu sind die Lesung durch erfundene Aussprüche (aḥādīṯ) zu erklären oder sie gar mit der Lesung auf die gleiche Stufe zu stellen, Verse aus der Lesung zu abrogieren (siehe auch Religion in ein Spiel verwandeln) und vieles mehr.

 

10:36 Und die meisten von ihnen folgen nur Mutmaßungen. Aber Mutmaßungen nützen nichts gegenüber der Wahrheit. Gewiss, Gott weiß Bescheid über das, was sie tun.

10:100 Und er wirft die Schmach auf diejenigen, die ihren Verstand nicht gebrauchen. (Vgl. auch 8:22)

 

Mutmaßungen haben folglich keinen Wert. Den Verstand nicht zu gebrauchen wird von der Lesung nicht nur abgelehnt, sondern auch bestraft. Für Traditionalisten ist Vers 10:36 eine Mahnung, den Sekundärquellen, die auf nichts anderes als Vermutungen fußen, keine religiöse Autorität zu geben und sich auf Gottes alleiniges Wort zu verlassen (3:173, 7:3, 8:64, 9:59, 9:129, 39:36, 65:3). Vielmehr werden wir ermahnt, dass wir zu oft sekundäre Quellen dazu verwenden, uns unsere eigenen Meinungen schön zu reden:

 

68:36-38 Was ist mit euch, wie ihr richtet. Oder habt ihr eine Schrift, in der ihr studiert. Darin habt ihr sicherlich, was ihr euch wählt.

 

Die meisten Gelehrten der unerlaubten Abspaltungen (42:13) der Gottergebenheit (deutsch für „islām“) nehmen in den Sekundärquellen nur diejenigen Aussagen für sich heraus, an denen sie selber Gefallen finden (2:85, 25:43). Sie sind jedoch, wie bereits erwähnt, nur Vermutungen und voller Widersprüche. Ohnehin akzeptiert die Lesung solche Quellen nicht. Demzufolge gibt es gleich mehrere Gründe als Gottergebene oder Gottergebener (deutsch für „muslim“) jeden dazu anzuhalten, die Lesung selber zu erforschen (34:46, 96:1f.). Die Ablehnung von Gelehrtendoktrinen wird im folgenden Vers ein weiteres Mal prägnant dargestellt:

 

2:170 Und wenn man zu ihnen sagt: „Folgt dem, was Gott herabsandte“, sagen sie: „Nein! Vielmehr folgen wir dem, worin wir unsere Vorväter vorgefunden haben.“ Was denn, auch wenn ihre Väter nichts begriffen und nicht rechtgeleitet waren? (Vgl. auch 31:20-21, 6:106 und 7:3)

 

Gelehrte, die keine Ärzte sind

Es ist eine traurige Tatsache, dass die meisten dieser Anordnung nicht Folge leisten. Es ist zu erschreckend normal geworden, das Verständnis von der Lesung mit traditionellen Einflüssen und falschen Autoritäten zu verzerren. Oft hört man dabei das Argument:

 

Wenn ich krank werde, gehe ich doch zum Arzt, der sein Fach studiert haben muss. Im Islam muss man das Gleiche tun!

 

Dieser Gedanke wurde bereits an dieser Stelle kommentiert. Diesen Leuten muss im Hinblick auf diese Ärzte-Metapher zudem die Frage gestellt werden, ob sie sich lieber von einem der vielen falschen Wunderheiler behandeln lassen möchten, welche nur allzu oft dem Geld, Traditionen oder Vermutungen nachgehen und somit unerlaubte Behandlungsmethoden befürworten oder sich nicht doch von Demjenigen behandeln lassen möchten, welcher vollkommen ist! Sich allein Gott zu widmen bedeutet zugleich, die Verantwortung in die eigenen Hände zu legen. Nichts ist gefährlicher für eine machthungrige Gruppe von elitären Gelehrten als eine selbst denkende, auf Basis der Vernunft und der Gerechtigkeit handelnde Gemeinschaft an Gottergebenen, die sich nicht durch irgendwelche Menschen einschüchtern lassen.

Gott gibt uns auch Beispiele, wie die Menschen Sein vollkommenes Wort (6:115) zu entstellen versucht haben (5:13, 10:15, 17:45-46, 18:57, 43:36-37). Dabei ist es ein gemeinsames Merkmal aller Ableugner und Heuchler, dass sie sich mit Gott allein nicht zufrieden geben können, sie brauchen sekundäre Quellen neben Ihm:

 

39:45 Und wenn Gott allein erwähnt wird, verkrampfen sich die Herzen derjenigen, die nicht an das Jenseits glauben. Wenn aber diejenigen erwähnt werden, die es außer Ihm geben soll, freuen sie sich sogleich.

 

Diesen Versen nach zu urteilen genügt es nicht, viel Wissen zu haben, sondern nach welcher inneren Einstellung man die Lesung erschließen will. Es ist besser, nicht „den Islam“ studiert zu haben und dabei Gottes alleinige Autorität zu akzeptieren, anstatt beispielsweise Theologie zu studieren und dabei einer erfundenen „Sunna“ neben der Lesung zu folgen und Gottes Wort dadurch zu entstellen. Wer aus bestimmten, diesseitigen Gründen diesen Fehlern nachläuft, kann sich am Tag der Lebensordnung (am Jüngsten Tag) nicht einfach seiner Verantwortung entziehen (7:38-39, 14:22)!

 

Was ist mit den „Wissenden“?

Traditionalisten, welche dieser Argumentation kritisch gegenüberstehen und sich nicht von der Gelehrtendoktrin abbringen lassen möchten, präsentieren zu diesem Thema oft folgenden Satz aus der Lesung:

 

16:43 Und Wir haben vor dir nur Männer gesandt, denen Wir (Offenbarungen) eingegeben haben. So fragt die Leute der Ermahnung, wenn ihr nicht wisst. (Vgl. auch 21:7)

 

Die fett markierten Stellen lauten im Original ahl-al-ḏikri (أهل الذكر) auf Deutsch: Leute der Ermahnung. Da die Lesung auch als Ermahnung betitelt wird, kann man hier auf Leute schließen, die tief im Wissen der Lesung verankert sein müssen. Daraus schließen sie, dass nur Gelehrte die Lesung auslegen dürfen. Abgesehen davon, dass diese Interpetation nicht mal im klassischen Sunnitentum einen Konsens hat (man lese dazu nur Tabari, Qurtubi und Ibn Kathir), bedeutet dies noch lange nicht, dass wir ihnen blind folgen dürfen und sie dadurch zu Herren über uns zu erheben haben (3:64, 9:31, 12:39, 17:36). Gott allein als Herrn anzuerkennen bedeutet auch, dass die Erklärung der Lesung nur durch sich selber legitim ist.

Da aber auch andere Offenbarungen Gottes so bezeichnet werden, müssen sich etwaige Gelehrte mit sämtlichen Schriften auseinandersetzen (5:13-14, 21:48, 21:105, 28:43 und 23:110), was bei den meisten Gelehrten aufgrund ihrer negativen und ablehnenden Haltung beispielsweise gegenüber der Tora oder dem Evangelium nicht zutrifft.

Viele Verse machen uns darauf aufmerksam, wozu die Gelehrtendoktrin geführt hat: moralischer Zerfall (5:63), Autoritätsdenken (9:31) und Ausbeutung durch diese Autoritäten (9:34). Diese Verse sind dabei nicht historisch gemeint, sondern betreffen auch die heutigen Umstände (12:111, 2:44). Letzten Endes werden keine Menschen, nicht mal Gesandte, uns rechtleiten können. Allein Gott kann uns rechtleiten (42:31, 9:116, 29:22), sofern wir Gottes Rechtleitung erlangen möchten (17:9, 28:56, 27:80-81, 41:44).

Naturgemäß werden sich zu diesem Artikel neue Fragen auftun. Wie zum Beispiel, ob man die Lesung hinreichend ohne Arabischkenntnisse verstehen kann oder wie man mit der Lesung generell umgehen soll. In meinem Buch Schlüssel zum Verständnis der Lesung gehe ich ausführlich und weitgehend allgemeinverständlich auf diese komplexe Thematik ein. Weitere klassische Fragen sind:

  • Liegen die meisten Anhänger des Islam falsch?
  • Wurde 1400 Jahre lang ein falsches Islambild vermittelt?
  • Sind folglich all die Menschen hinter den „großen“ Namen der muslimischen Gelehrsamkeit nicht rechtgeleitet?

Auf der einen Seite spielen bei der Beantwortung dieser Fragen meist die eigene Tradition, die große Anzahl der eigenen jeweiligen Gruppierung, ein oftmals angeführter angeblicher Gelehrtenkonsens eine große Rolle. Dem gegenüber stehen nicht selten gleicherweise das eigene Umfeld, die eigene Lebenserfahrung aber auch bestimmte angelernte Auffassungen, welche auf das Verständnis der Lesung einwirken und dadurch das Verständnis der Lesung verzerren können.

 

Rechtleitung (hudan) in der Lesung

Wie aber findet man nun Rechtleitung und wer kann sie überhaupt vermitteln?

 

28:56 Gewiss, du kannst nicht rechtleiten, wen du möchtest. Gott aber leitet recht, wen Er will. Er kennt sehr wohl die Rechtgeleiteten.

17:9 Gewiss, diese Lesung leitet zu dem, was richtiger ist, und verkündet den Gläubigen, die rechtschaffene Werke tun, dass es für sie großen Lohn geben wird.

2:12 Uns obliegt die Rechtleitung.

 

Gott allein ist es also, der rechtleiten kann und sonst niemand, auch nicht der Mensch hinter der Prophetengestalt. Auch kann nicht die eigene Tradition, die oftmals auf Erfindungen beruht, oder Gelehrte einer bestimmten Abspaltung als Quelle der Rechtleitung dienen.

Die Charaktereigenschaften, die vor Gott zwingend sind, um rechtgeleitet zu werden:

  • Jene, die glauben und den Glauben nicht mit Ungerechtigkeit verdecken. (6:82)
  • Rechtschaffene Werke tun. (22:23)
  • Die jeglichem Wort zuhören und dem Besten davon folgen. Sie sind dann die, die vor Gott Verstand besitzen. (39:18)
  • Die an das Verborgene glauben, das Gebet verrichten und von ihrer Versorgung ausgeben (für Bedürftige) und an die Lesung wie auch allen vorangegangenen Schriften glauben. (2:3-5)

Alles in allem müssen sich Gottergebene darum bemühen, die Rechtleitung allein von Gott zu erhoffen. Das bedeutet, sich von niemandem abhängig zu machen und alles zu hinterfragen – sei es in der Wissenschaft, der Politik, der Musik, im Sport oder der Kunst. Es ist unsere Pflicht, aufgeklärte, zukunftsgerichtete Menschen zu werden, die ihren Verstand einsetzen. Nur so werden wir sowohl im Dies- wie auch im Jenseits erfolgreich sein.

 

39:23 Gott hat die beste Botschaft offenbart, ein Buch mit gleichartigen, sich wiederholenden (Versen), vor dem die Haut derjenigen, die ihren Herrn fürchten, erschauert. Hierauf werden ihre Haut und ihr Herz weich (und neigen sich) zu Gottes Gedenken hin. Das ist Gottes Rechtleitung. Er leitet damit recht, wen Er will. Und wen Gott in die Irre gehen lässt, der hat niemanden, der ihn rechtleitet.

39:36-37 Wird Gott nicht Seinem Diener genügen? Dennoch wollen sie dir mit denjenigen, die es außer Ihm geben soll, Furcht einflößen. Und wen Gott in die Irre gehen lässt, der hat niemanden, der ihn rechtleitet. Wen aber Gott rechtleitet, den kann niemand in die Irre führen. Ist nicht Gott Allmächtig und Besitzer von Vergeltungsgewalt?

Vers 4:34 – Totaler Gehorsam der Frau im Islam gegenüber dem Mann?

Ich suche Zuflucht vor dem verworfenen Satan
Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Friede sei mit euch und der Segen und die Barmherzigkeit Gottes.

 

4:34 Die Männer haben die Frauen zu unterstützen; Angesichts der vielfältigen Gaben, die Gott ihnen gegenseitig geschenkt hat, und angesichts des Reichtums, den sie in Umlauf bringen. Aufrechte Frauen, die achtsam über ihre Privatsphäre sind, bewahren das Verborgene im dem Sinn, wie Gott es vorsieht. …

 

Der Vers 4:34 der Lesung (Koran) ist vielen Menschen bekannt als der Vers, der dem Mann gestattet, seine von den Traditionalisten als „widerspenstig“ beschriebene Frau zu schlagen. Es wird diskutiert, wie der Mann sie schlagen darf: Darf es hart sein? Dürfen Spuren zurück bleiben? Soll es eher eine psychische als eine physische Wirkung haben? Darf man es nur in der Härte tun, mit der man eine Frau mit einem Siwak Schmerzen zufügen könnte? All diese Gedanken sollen dazu beitragen, das Schlagen zu verharmlosen. Aber das Schlagen, egal in welcher Härte, hat einen symbolischen Charakter. Man schüchtert den anderen ein, zollt ihm nicht den erforderlichen Respekt und demütigt ihn. Es hinterlässt Spuren, auch wenn es keine äußerlichen sind. Jeder, der schon einmal geschlagen wurde, möge es noch so leicht gewesen sein, kann das bestätigen. Die äußerlichen Wunden mögen verheilen, die inneren bleiben. Das Verhältnis zu dem Menschen wird auf ewig zerrüttet sein, auch wenn der Streit schon längst begraben ist.

Aber zum Schlagen will ich mich nicht ausführlich äußern. Wer sich mit diesem Thema näher befassen will, wie dies in der Lesung wirklich geregelt ist und welche Übersetzungsfehler bzw. Verständnisfehler begangen wurden, der kann den Artikel ‚Erlaubt die Lesung Frauen zu schlagen?‚ oder auch den vierten Punkt im Artikel Schlüssel zum Verständnis der Lesung zu Rate ziehen.

 

Totaler Gehorsam der Frau gegenüber dem Mann?

Mir geht es heute um einen anderen Teil dieses Verses, insbesondere um das Wort qānitāt in der folgenden Aussage: فَال‍‍‍صَّ‍‍الِح‍‍َ‍اتُ قَ‍‍انِت‍‍َ‍اتٌ حَافِ‍‍ظَ‍‍‍ات ٌ‌ لِلْ‍‍غَ‍‍‍يْ‍‍بِ بِمَا‌ حَفِ‍‍ظَ ‌اللَّ‍‍هُ oder transliteriert faṣ-ṣālihātu qānitātun ḥāfiẓātun lil-ghaybi bimā ḥafiẓa l-lāhu. Diese sind die unveränderlichen Wörter auf der Originalsprache der Lesung, auf Arabisch. Wie patriarchalisch dieser Vers von einigen missdeutet wird, möchte ich an einem Beispiel aufzeigen. Erst kürzlich schrieb ein irrender Bruder folgende Worte an mich (Rechtschreibfehler nicht ausgebessert):

 

Eine Frau muss sich ihrem Mann unterwerfen bzw. unterordnen! Dein Mann entscheidet ob du arbeiten gehen darfst oder nicht. Dein Mann entscheidet ob du jemanden von deinen Freundinnen reinlassen darf in deine Wohung. Dein Mann entscheidet ob du fasten darfst oder nicht. Dein Mann entscheidet ob du rausgehen darfst oder nciht. Abgesehen davon, darst du nur mit einem Mahram raus und auf keinen Fall allein. Ich würde dir raten weniger Sprüche hier zu klopfen, sondern mehr den Islam zu lernen. Und nebenbei gefragt, wo ist dein Kopftuch? Auch ist das studieren an gemischten Universitäten(Männer & Frauen) haram!!!!!!

 

Die Frage des Kopftuchs lassen wir heute aus, da sie anderswo behandelt wurde. Diese Art der Misogynie fußt auf einem sunnitischen Verständnis und hat mit der Gottergebenheit aus der Lesung nichts zu tun. Auf Deutsch finde ich bei den vier bekanntesten Übersetzungen die folgende Wortwahl:

 

Ahmadiyya: Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren.

Paret: Und die rechtschaffenen Frauen sind (Gott) demütig ergeben und geben acht auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist, weil Gott (darauf) acht gibt.

Rassoul: Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren.

Azhar: Die guten Frauen sind gottergeben und verschweigen, was Gott zu verschweigen gebietet.

 

Das Wort „qānitāt“ wird als „die Gehorsamen“, „demütig ergeben“ oder „gottergeben“ übersetzt. Die Ausdrücke in den Klammern kommen im Originaltext nicht vor und sind Interpretationen der Übersetzer. Mithilfe von Corpus Quran fand ich die Wurzel zum Wort qānitāt: qāf-nūn-tāʾ (q-n-t). Die Bedeutungsumschreibung der Wurzel wird in Lane’s Lexikon wie folgt wiedergegeben:

 

to be devout, obedient, fully and wholeheartedly in all humility to stand long in prayer. qanitun – one who is fully, wholehearted and in all humility devout and obedient.

 

Auf Deutsch übersetzt: andächtig/fromm/andachtsvoll, folgsam/gehorsam/obrigkeitshörig/unterwürfig/fügsam, voll und mit ganzem Herzen in aller Bescheidenheit/Demut lang im Gebet stehen. qanitun – jemand, der voll, mit ganzem Herzen und in aller Bescheidenheit/Demut andächtig und gehorsam ist.

Die Ableitungen dieser Wurzel kommen in der Lesung 13 Mal in 12 Versen vor (2:116, 2:238, 3:17, 3:43, 4:34, 16:120, 30:26, 33:31, 33:35, 39:9, 66:5, 66:12). Die Übersetzungen für die Verse aus den Kapiteln zwei und drei sind der Hanif-Übersetzung entnommen, der Rest der Übersetzungen ist von Paret. In eckigen Klammern fügte ich die arabischen Wurzelableitungen hinzu, wie sie im Vers verwendet werden.

 

2:116 Und sie sagten, Gott habe sich einen Sohn genommen. Gepriesen sei er. Vielmehr ist für ihn, was in den Himmeln und auf der Erde ist. Alle sind ihm loyal [qānitūn]

2:238 Bewahret die Kontakte und den mittleren Kontakt und steht loyal [qānitīn] zu Gott

3:17 Die Geduldigen, die Wahrhaftigen, die Loyalen [al-qānitīn], die Ausgebenden und die bei den Dämmerungen um Vergebung Bittenden

3:43 Maria, sei deinem Herrn loyal [uqnutī] und unterwirf dich und beuge dich mit den Beugenden

16:120 Abraham war eine Gemeinschaft (für sich) (dem einen) Gott demütig ergeben [qānitan], ein Hanief und kein Heide, …

30:26 Und ihm sind (alle Wesen) untertan (w. ihm gehören (alle Wesen)) die im Himmel und auf der Erde sind. Alle sind ihm demütig ergeben [qānitūn].

33:31 Wenn aber eine von euch Gott und seinem Gesandten demütig ergeben [yaqnut] ist …

33:35 Was muslimische Männer und Frauen sind, Männer und Frauen, die gläubig, die (Gott) demütig ergeben [qānitīn] …

39:9 Ist etwa einer, der (Gott) demütig ergeben ist [qānitun], indem er zu (gewissen) Zeiten der Nacht sich niederwirft oder (w. und) (andächtig im Gebet) steht und sich dabei vor dem Jenseits ängstigt, …

66:5 Wenn er euch (Frauen) … entläßt, wird sein Herr ihm vielleicht Gattinnen zum Tausch geben, die besser sind als ihr: Frauen, die den Islam angenommen haben (muslimaat), die gläubig sind, (Gott) demütig ergeben [qānitāt], bußfertig, fromm, asketisch …, solche, die schon verheiratet waren oder (w. und) noch Jungfrauen sind.

66:12 … Und sie glaubte an die Worte ihres Herrn und an seine Schriften und gehörte zu denen, die (Gott) demütig ergeben sind [al-qānitīn].

 

Da die friedliche Ergebung mittels des Wortes Islām umschrieben wird (Wurzel s-l-m), passt die Ergänzung ergeben in ‚demütig ergeben‘ für die Wurzel q-n-t nicht. Ebenso wird das Wort demütig mit einem anderen Wort in Verbindung gebracht, nämlich chāschiʿ (خاشع, siehe z.B. 2:45). Ebenso könnte unter Umständen die Wurzel ḍād-rāʾ-ʿayn mit Demut in Verbindung gebracht werden (z.B. in 7:205). Aus diesem Grund sollte q-n-t mit Loyalität und nicht mit Demut oder Ergebenheit umschrieben werden, wie es auch in der Übersetzung von Hanif verwendet wird.

Viel wichtiger als die genaue Übersetzung der Wurzel ist aber der Umstand, dass kein einziger der Verse, in denen eine Ableitung der Wurzel q-n-t vorkommt, von der Loyalität, dem Gehorsam oder auch demütigen Ergebenheit jemand anderem gegenüber als Gott spricht. Selbst in 33:31 wird lediglich gegenüber dem Gesandten Gottes zusätzlich Loyalität verlangt, da er ja die Botschaft Gottes übermittelt. Die Loyalität gegenüber dem Gesandten bedeutet also die Loyalität gegenüber der Botschaft Gottes und somit Gott selbst. Vor allem der Vers 66:5 beschreibt gottergebene Frauen in ihrem Verhältnis zu Gott:

  • Sie sind gegenüber GOTT bußfertig und nicht gegenüber ihren Männern.
  • Sie sind gegenüber GOTT fromm und nicht gegenüber ihren Männern.
  • Sie sind für GOTT asketisch (enthaltsam) und nicht für ihre Männer.

Gott wählt die Worte nicht ohne Grund, alles hat einen Sinn: Die Wortwahl, die Syntax, der Satzbau. Und so kann es doch nicht sein, dass er all diese Eigenschaften, die im Verhältnis zu Ihm stehen, neben das Wort „qānitāt“ setzt, was eine Frau angeblich ihrem Mann gegenüber sein müsse.

Es gibt noch die folgende Argumentation, welche auch teils gemäßigte, männliche Gottergebene zu akzeptieren scheinen:

 

In 4:34 ist ganz klar die Rede von Gehorsamkeit der Frau gegenüber dem Mann und am Anfang steht ja deutlich „Die Männer sind Aufrechterhaltende gegenüber den Frauen“. In 66:10 steht über die Frauen von Noah und Lot, dass „sie beide zwei Dienern von unseren rechtschaffenen Dienern unterstanden“, also gibt es sicherlich unterschiedliche Stärken und Schwächen bei Männern und Frauen, deswegen kann man nicht von einer bedingungslosen Gleichberechtigung sprechen.

Erklärung zu 4:34
Das verwendete Verb ist aṭāʿa, was ‚gehorchen‘ bedeutet und in 4:34 steht. Der Ausdruck aus 4:34 kann sinngemäß übersetzt werden als: „Wenn sie (Frauen) euch (Männer) gehorchen, dann sucht keinen Weg gegen sie.“ Und da die Männer die Auflehnung der Frauen fürchten, gibt es Schritte gegen die Frau. Und warum sollte die Frau dem Mann gehorchen? Weil wenn dieser die Gebote Gottes gebietet, so gehorcht die Frau den Geboten Gottes.

 

So gilt für die Frauen das Gleiche, wie über ihnen ist, in erkenntlicher Weise – 2:228Es ist natürlich verständlich, dass eine bedingungslose Gleichberechtigung nicht immer Sinn ergibt. Ich fordere aber die Gleichberechtigung für Frauen, wo eine Ungleichbehandlung nicht wegen zwingenden natürlichen Unterschieden gegeben ist, so wie Gott sie den Frauen zuspricht in 2:228 und 4:128. Zumal ist aus dem Ausdruck aus 66:10 sprachlich gesehen keine Vorrangstellung des Mannes abzuleiten. Es wird lediglich folgendes ausgesagt: Da die Männer zu dieser Zeit hauptsächlich für das Einkommen verantwortlich waren, begaben sich die Frauen unter ihre Fittiche. Genauso wie auf Deutsch „sich unter jemandes Fittiche begeben“ nicht bedeutet, dass der Mann eine allgemeine Vorrangstellung genieße, verhält es sich genau gleich in diesem Vers. Der Vers 66:10 ist darüber hinaus auch kein Argument dafür, dass die Frau generell dem Mann „unterstehe“, da man hier beachten muss, dass es sich um Gesandte Gottes handelt, die jedem Menschen aufgrund ihrer Gesandtschaft eine Stufe höher gestellt sind und ihnen durch ihren Glauben, ihre Standhaftigkeit und Charaktereigenschaften überstehen.

we_all_can_do_itNun zum Argument bezüglich 4:34: Es stimmt, dass dort das Verb gehorchen verwendet wird. Jedoch ist aus diesem Vers keine allgemeingültige Regel abzuleiten, da dieser Vers nur für einen Spezialfall gilt, nämlich für den Streitfall zwischen verheirateten Paaren und darüber hinaus nur dann, wenn der Mann Recht haben sollte! Darüber hinaus bedeutet das nicht „gehorchen“ im absolutistischen, religiösen Sinne. Siehe als Beispiel 26:151 oder auch klarer 49:7, woraus wir verstehen können, dass der Gehorsam des Gesandten gegenüber einigen Befehlen von den Menschen gut sein kann. Gehorsam bedeutet in der Lesung ein auf Einsicht, Recht, Wahrheit und Überzeugung aufbauender Gehorsam. Sowieso muss man auch die Verse 17:36, 8:22, 10:100 berücksichtigen bezüglich dem Einsatz der Vernunft. Wenn ich jemandem zustimme in seiner Ansicht und seine Ansicht akzeptiere, so gilt das auf Arabisch als „ihm gehorchen“. Das heißt aber nicht, dass ich mir keine eigenen Gedanken gemacht und blind akzeptiert hätte.

Ich wiederhole also nochmals: Es ist aus 4:34 kein allgemeiner Gehorsam der Frauen gegenüber Männern herauszulesen! Sowohl Männer haben Frauen zu gehorchen als auch Frauen Männer, wenn die jeweilige Person die Gebote Gottes gebietet. Eine geschlechtsspezifische Regelung gibt es jedoch nicht.

Ich habe bisher noch kein Argument von einem Verfechter der demütigen Ergebenheit gegenüber einem Mann gehört, welches beweisen würde, dass der Mann hiermit irgendwie in einem Zusammenhang steht. Kontextuell wie auch sprachlich gibt es kein Argument. Denn der Vers 4:34 beinhaltet eine Regel für die Frau: Das, was es zu bewahren gibt (wie zum Beispiel meiner Meinung nach eheliche Geheimnisse, Intimitäten etc.) muss sorgsam verschwiegen werden. In diesem Punkt wird die Frau daran erinnert, dass sie Gott gegenüber loyal sein muss und dadurch verpflichtet ist, Seine Gebote einzuhalten. Aber es macht überhaupt keinen Sinn, hier auf einmal einen totalen Gehorsam gegenüber dem Mann anzunehmen. Dies würde außerdem dem „Schirk“ – der Beigesellung – gleichkommen, da man nun den Mann als Herrn neben Gott akzeptierte, und dies ist die größte Sünde in der Gottergebenheit, von der man sich weit fern halten muss.

Und Gott weiß es am besten.

Verbleibt in Frieden.