Rezension

Islam und Evolutionstheorie – Vergleich dreier Ansätze

Auch 166 Jahre nach der Veröffentlichung von Charles Darwins Buch The Origin of Species (deutsch: Die Entstehung der Arten) wird immer noch über die Evolutionstheorie gestritten. Nicht so sehr in der Wissenschaft, wo dies normal ist und wo natürlich die Thesen von Darwin seitdem angepasst und erweitert wurden, sondern besonders unter religiösen Aktivisten. Gegner der Evolutionstheorie sind zum einen christlich-evangelikale Gruppierungen in den USA, die fordern, dass in Schulen statt oder zumindest neben der Evolutionstheorie die Erschaffung von Menschen und Tieren laut biblischer Darstellung gelehrt wird. In Europa wird von den hier dominierenden christlichen Kirchen die Evolutionstheorie nicht infrage gestellt; hier sind es eher Muslime, die die Evolutionstheorie ablehnen und dafür von christlicher Seite oft nicht ganz ernst genommen werden.

Zu den muslimischen Kritikern der Evolutionstheorie gehört der iranischstämmige, als Jugendlicher in die USA geschickte Seyyed Hossein Nasr, der sich in der muslimischen Umweltbewegung als früher Kritiker der Umweltzerstörung einen Namen gemacht hat – bereits 1966 wies er in einer Vorlesungsreihe an der Universität Chicago, auf der sein Buch „Man and Nature. The spiritual crisis of modern man“ beruht, auf das gestörte Verhältnis der modernen Menschen zu ihrer Umwelt hin, und seitdem hat er in vielen Veröffentlichungen die modernen Naturwissenschaften im allgemeinen und die Evolutionstheorie im besonderen kritisiert.

Auf der anderen Seite steht der türkische Professor Caner Taslaman, der in seinem Buch „Darf ein Muslim die Evolutionstheorie akzeptieren?“ selbiges aus theologischer Perspektive bejaht – auf wissenschaftlicher Ebene enthält er sich bewusst eines Urteils.

Shoaib Ahmed Malik ist Autor einer Untersuchung, in der er die Evolutionstheorie aus der ash’aritischen Perspektive al-Ġazālīs untersucht. Er kommt zum Schluss, dass aus dieser Perspektive zwar nicht die Evolution von Pflanzen, Tieren und den Menschen allgemein, wohl aber Adams und seiner Partnerin problematisch ist.

Die Argumentationen dieser drei Autoren werden im folgenden verglichen.

Hossein Nasr (Seyyed ist sein Ehrentitel, da er direkt vom Propheten abstammen soll, wird aber in der Literatur als Namensteil behandelt) stieß nach einer durch die Gottlosigkeit der Naturwissenschaften ausgelösten persönlichen Krise auf die durch René Guénon und Frithjof Schuon vertretene philosophia perennis, der er sich fortan verschrieb. Diese erkennt in allen traditionellen Religionen eine ewige Wahrheit. Praktisch vertritt Nasr aber ein neuplatonisches Weltbild, zu deren Kernpunkten die Vorstellung von archetypischen Arten gehört, die als Bild in Gottes Vorstellung existieren und sich in dem einzelnen Tier, der einzelnen Pflanze und dem einzelnen Menschen manifestieren. Die Entwicklung einer Art aus einer anderen sieht er daher als Unmöglichkeit. Auch könne aus toter Materie ohne göttliche Einwirkung kein Leben entstehen, wofür er physikalische und mathematische Argumente bringt. Daneben zieht er verschiedene Argumente von Wissenschaftlern gegen einzelne Aspekte der Evolutionstheorie, wie fehlende Bindeglieder in der Entwicklung oder das plötzliche Auftreten neuer Arten.

Caner Taslaman enthält sich bewusst der Beurteilung der wissenschaftlichen Aspekte der Evolutionstheorie. Stattdessen widmet er sich der Frage, ob theologische Gründe gegen sie sprechen. Er untersucht die wichtigsten theologischen Argumente der muslimischen Gegner der Evolutionstheorie, wobei er davon ausgeht, dass Muslime alles glauben dürfen, was nicht im Widerspruch zu allen plausiblen Interpretationen der entsprechenden Koranverse steht. Hadithe (Prophetenüberlieferungen) hält er nur für relevant, sofern sie mutawātir (weit verbreitet) sind, d.h. in allen Generationen von mehreren Überlieferern übermittelt wurden. Der Großteil aller gesammelten Hadithe erfüllt dieses Kriterium nicht.
Shoaib Ahmed Malik legt zur Unterscheidung erlaubter von unerlaubten Glaubenssätzen die Maßstäbe al-Ġazālīs an. Dieser sieht ebenfalls nur mutawātir-Hadithe als so verbindlich an, dass ihre Ablehnung als Unglauben bezeichnet werden dürfe. Für die Interpretation von Koranversen legt er allerdings strengere Maßstäbe an und verlangt zunächst eine wortgetreue Auslegung; nur wenn diese der Logik widerspricht (die von Alltagserfahrungen zu trennen ist), erlaubt er die nächsthöhere von fünf Abstraktionsstufen.
Im Gegensatz zu Nasr sind sich Taslaman und Malik einig, dass die Evolutionstheorie dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht, auch wenn sie sich (und die Muslime) nicht auf sie festlegen wollen.

Allen drei Autoren ist bewusst, dass die Evolutionstheorie oft mit Atheismus in Verbindung gebracht wird. Während Nasr diesen Zusammenhang bekräftigt und sie aus diesem Grund ablehnt, argumentieren Taslaman und Malik gegen diese Verbindung. Taslaman listet verschiedene Kombinationsmöglichkeiten der beiden Variablen Gottesglaube und Glaube an die Evolutionstheorie auf und schlussfolgert, dass es ebenso atheistische Gegner der Evolutionstheorie wie auch gläubige Verfechter der Evolutionstheorie gibt. Malik untersucht einen der Kernbegriffe der Evolutionstheorie, den Zufall, und legt dar, dass Zufall nur bedeutet, dass die Menschen (noch) keine Voraussagen über ein Ereignis machen können; Gottes umfassende Kenntnis sei davon aber unberührt. Beide wenden sich gegen die Vorstellung eines „God of Gaps“, d.h. Gott als Erklärung für das Unerklärliche, was Gottes Rolle unzulässig reduziere und zur Folge habe, dass Wissen abgelehnt werde, um Gottes Position nicht zu gefährden. Taslaman stellt dem einen „God of Creation“ gegenüber, der die Welt und die Naturgesetze erschaffen hat und uns die Aufgabe gestellt hat, sie zu ergründen.

Sowohl Taslaman als auch Malik setzen sich mit der Vorstellung von Wundern auseinander. Taslaman definiert Wunder als „einen Vorfall, der jemandem seine Unfähigkeit bewusst macht“, was jedoch nicht bedeute, dass das Wunder gegen Naturgesetze verstößt. Er gesteht Gott zu, mit oder gegen die Naturgesetze zu wirken, neigt aber zur Vorstellung, dass Gott mit den Naturgesetzen, d.h. seinen eigenen Gesetzen handelt. Malik dagegen argumentiert mit den Ash’ariten, das, was wir als Naturgesetze wahrnehmen, sei in Wirklichkeit nur eine Angewohnheit Gottes, die jederzeit geändert werden könne. Jedes scheinbare Ursache-Wirkungs-Pronzip sei in Wirklichkeit nur Korrelation. Allein an logische Zusammenhänge sieht er auch Gott gebunden.

Kun fa yakūn – Erschafung aus dem Nichts?

Einer der koranischen Begriffe, die von den Autoren diskutiert werden, ist das kun fa yakūn: wenn Gott etwas erschaffen will, sagt Er nur: Sei! Und es ist (ähnlich dem biblischen: Es werde Licht! Und es ward Licht). Nasr versteht dies als Neuerschaffung in jedem Augenblick, was gegen jede materielle Kausalität spreche. Er stellt diese vertikale Kausalität der horizontalen Kausalität., die er in der Evolutionstheorie vertreten sieht, gegenüber. Taslaman dagegen argumentiert, der Ausdruck bedeute nur, dass Gott die letztendliche Kraft hinter allem ist, aber nicht, wie Gott erschaffe. Materielle Kausalketten sieht er als eine plausible Möglichkeit des Wirkens Gottes. Das Wort fa (dann) versteht er nicht zwangsläufig als sofort, sondern verweist auf andere koranverse, in denen zwischen Gottes Befehl und dem Resultat längere Zeit vergeht, wie bei Marias Schwangerschaft mit Jesus. Gerade in der Ablehnung der Prozesshaftigkeit sieht er eine unzulässige Einschränkung von Gottes Allmacht. Malik versteht den Begriff als Ausdruck von Gottes Allmacht, alles nach Seinem Willen zu gestalten, auch wenn es den Naturgesetzen zuwiderläuft.

Erschaffung Adams aus Schlamm

Entsprechend zum vorherigen Punkt argumentiert Taslaman, dass die Feststellung, dass Gott Adam aus Schlamm erschaffen habe, nicht bedeute, dass dies unmittelbar geschehen sei. Er weist darauf hin, dass die Menschen aus den gleichen Elementen wie Schlamm bestehen, dass ihre Nahrung direkt oder indirekt aus dem Boden hervorkommt: Pflanzen, die darin wachsen, oder Tiere, die diese Pflanzen fressen. Malik hebt den Vers hervor, nach dem Gott Adam mit seinen eigenen beiden Händen erschuf, gesteht aber, dass die genaue Bedeutung dieser Besonderheit unklar bleibt.

Hatte Adam Eltern?

Einer der Verse, auf die sich die Gegner der Evolutionstheorie beziehen, ist 3:59, in dem Adam und Jesus gleichgesetzt werden: „Siehe, vor Gott gleicht Jesus Adam. Aus Staub erschuf er ihn, dann sagte er zu ihm: «Sei!» Und dann war er.“ Neben der oben diskutierten Problematik des „fa“ stellt sich hier auch die Frage, worin sich Adam und Jesus gleichen. Malik geht mit der Mehrzahl der Gelehrten davon aus, dass die Vaterlosigkeit beider das gemeinsame Merkmal ist, und schließt daraus, dass aus der Perspektive al-Ġazālīs, die eine wörtliche Interpretation verlangt, solange nicht gegen die Logik verstoßen wird, Adam nicht Teil einer evolutionären Entwicklung sein könne; Taslaman dagegen argumentiert umgekehrt, dass Jesus offensichtlich eine Mutter hatte, was darauf hinweise, dass Adam ebenfalls eine Mutter hatte. Er weist auf 19:9 hin wo Zacharias von Gott gesagt wird, Er habe ihn erschaffen, „als du noch nichts warst“, und niemand gehe von einer Elternlosigkeit des Zacharias aus. Nasr verweist auf Ibn ʿArabīs Interpretation des koranischen Adam als „aus dem Nichts erschaffen“, bezieht sich aber nicht auf konkrete Koranverse.

min nafsin wāḥidatin – der gemeinsame Ursprung

Malik setzt die eine nafs (nafs hat verschiedene Bedeutungen wie Zelle, Wesen, Selbst), aus der Gott ihr Partnerwesen (zauǧ) erschuf, mit Adam und seiner Frau Eva gleich, mit verweis auf 49:13, wo in ähnlicher Weise von einem Männlichen und einem Weiblichen die Rede ist. Er führt zwei Interpretationsmöglichkeiten an: die Erschaffung Evas aus der Rippe Adams entsprechend der landläufigen biblischen Interpretation (das als Rippe übersetze hebräische Wort kann allerdings auch Seite bedeuten und dann eine Zweiteilung des ursprünglichen Menschen meinen), sowie „von gleicher Art“ im metaphysischen Sinn. So oder so schließt er aus den Versen auf eine wundersame Erschaffung Evas. Taslaman weist die Interpretation der Erschaffung Evas aus Adams Rippe als frauenfeindlich und zudem nicht vom Koran belegt zurück; diesbezügliche Überlieferungen hält er für nicht vertrauenswürdig. Stattdessen nimmt er die Interpretation von nafs als „von gleicher Art“ an und führt als Beleg weitere Koranverse wie 3:164 an, der einen Gesandten min ʾanfusihim (von ihnen) für die Gläubigen erwähnt, der offensichtlich nicht aus einem Körperteil der Gläubigen entstanden sei, sondern auf Gleichartigkeit und Zugehörigkeit verweise. Außerdem passe zauǧ vom Genus her nicht zu Eva; wäre sie gemeint, müsse im Vers zauǧata stehen (im Koran wird allerdings nie das feminine Wort zauǧata verwendet, auch wenn offensichtlich Frauen gemeint sind; das gemeinte Geschlecht bleibt hier also offen).

Wo liegt der Garten Eden?

Alle drei Autoren beschäftigen sich mit der als hubūt bezeichneten Ausweisung Adams und seiner Partnerin aus dem (Paradies-)Garten. Da die Evolution von einer Entwicklung des Lebens auf der Erde ausgeht, wird die Frage, wo die Menschen erschaffen wurden, als bedeutsam für deren Gültigkeit angesehen. Taslaman stellt zunächst fest, dass der Begriff ǧanna nur „Garten“ bedeute und im Koran sowohl für die jenseitige Bleibe als Belohnung für gute Taten verwendet werde als auch für irdische Gärten (18:32, 17:91, 68:17). Er verweist auf die traditionellen Gelehrten Māturīdī und Abū Hanīfa, die die Ansicht vertreten hätten, Adam sei in einem diesseitigen Garten erschaffen worden. Aus dem Vergleich von 2:30 und 38:26, die von der Berufung Adams bzw. Davids zum ḫalīfa (Nachfolger, Stellvertreter) berichten, schlussfolgert er, da David ḫalīfa im Diesseits war, müsse dies auch auf Adam zutreffen. Als weiteres Argument dient ihm der Verweis darauf, dass Adam aus Schlamm, einem Rohstoff der Erde, erschaffen wurde. Zudem weist er darauf hin, dass Satan Adam Unsterblichkeit versprach. Damit dies Adam verlockend erschien, müsse Adam aber den Tod gekannt haben, was ebenfalls auf eine irdische Existenz verweise, da es im Paradiesgarten keinen Tod und kein Sterben gebe und er außerdem der letzte Aufenthalt sei (15:48). Außerdem hätte Iblīs den Garten, der den guten Menschen vorbehalten bliebe, gar nicht betreten dürfen, und im Paradiesgarten seien alle Früchte erlaubt, während Adam die Frucht eines Baumes verboten wurde. Abschließend erwähnt Taslaman, dass der Begriff hubūt unterschiedlich gedeutet werde, er aber die Bedeutung eines Ortswechsels bevorzuge, analog zu 11:48 und 2:61, in welchen Noah aufgefordert wird, die Arche zu verlassen bzw. Moses sein Volk auffordert, nach Ägypten zurückzugehen.

Ebenso wie Taslaman erwähnt Malik die zwei Interpretationen der Erschaffung Adams im Jenseits oder im Diesseits. Daraus schließt er in Anlehnung an al-Ġazālīs Methodik, eine Interpretation in die eine oder andere Richtung könne nicht zur Bezichtigung des Unglaubens führen. Selbst die Annahme der Erschaffung Adams im Jenseits scheint ihm aber nicht im Widerspruch zur Evolution, da Adam nach seinem Herabfallen auf die Erde sich evolutionär habe fortpflanzen können.

Nasr erwähnt die Interpretationen, nach denen der Garten Adams im Diesseits lag, verwirft diese aber und bezichtigt sie der Blasphemie, da diese Ansicht die Muslime ihrer Hoffnung auf das Jenseits beraube (wobei er ignoriert, dass ja nicht das Paradies als Endziel verneint wird, sondern das als Ursprung). Er bezieht sich auf die 1400-jährige islamische Tradition, ohne abweichende Meinungen innerhalb dieser Tradition zu erwähnen, wie sie Taslaman und Malik benennen. Letztere sieht er als modernes Phänomen des scientism, also der modernen Naturwissenschaften als Maßstab der Wahrheit. Er hebt die Abwärtsbewegung des Menschen vom paradiesischen Zustand hin zur Erde hervor, die für ihn die Basis aller Ethik bildet, weil diese hin zum ursprünglichen höheren Zustand strebe, im Gegensatz zur Evolutionstheorie, die von einer stetigen Verbesserung ausgehe.

Menschenwürde

Als weiteres Argument der Gegner der Evolutionstheorie dient die Menschenwürde, die ihnen verletzt scheint, wenn der Mensch in einem Verwandtschaftsverhältnis zu Affen und sogar Moskitos steht. Malik zitiert 95:4 und 17:70, um auf die herausgehobene Stellung des Menschen gegenüber dem Rest der Schöpfung hinzuweisen, erwähnt aber auch, dass diese Stellung an den Gottesglauben gebunden sei; fehle dieser, so führe dies zur Erniedrigung des Menschen. Auch führt er weitere Verse an, die den Menschen als übereilt, geizig, gierig und schwach verurteilen. Entsprechend erklärt er die positiven Beschreibungen des Menschen als Potentiale, die aber in vielen Fällen nicht ausgeschöpft würden. Die Würde des Menschen sieht er nicht im Gegensatz zur Evolution, da der Mensch durch die Befolgung von Gottes Gesetzen einen hohen Status erreichen könne, der eben nicht an physische Merkmale gebunden sei. Auch Taslaman weist darauf hin, dass der Status der Menschen laut Koran nicht an Abstammung und physischen Merkmalen festgemacht werde. Die Erschaffung des Menschen aus Schlamm verringere seine Würde nicht. Als weitere Argumente führt er an, dass Iblīs für seinen Hochmut bezüglich seiner Abstammung von Gott verdammt werde, dass Pharao als Mensch und Abū Lahab als enger Verwandter des Propheten Muhammad weder der Würde der Menschen noch der des Propheten schaden könnten, moralisch verwerfliche Menschen dagegen als schlechter als das Vieh bezeichnet werden (25:44). Tiere würden dagegen im Koran durchaus positiv gezeichnet, wobei er allerdings die Verse übergeht, in denen Menschen zur Strafe in Affen verwandelt werden (2:65, 5:60, 7:166). Auch wenn man die Verwandlung metaphorisch versteht, bleibt doch eine negative Konnotation der Affen.

Nasr sieht in der Evolutionstheorie eine Reduzierung des Menschen auf molekulare Strukturen, so dass zwischen Mensch und Moskito kein qualitativer Unterschied mehr gesehen werde. Hier verweist er wieder auf die archetypische Form jeder Art, die bei Gott hinterlegt sei.

Schlussfolgerungen

Alle drei Texte enthalten interessante Aspekte bezüglich des Verhältnisses von Islam und Naturwissenschaften im allgemeinen und Islam und Evolution in besonderen.
Nasrs fundamentale Kritik an den modernen Wissenschaften mag zwar oft zu allgemein erscheinen und sich mehr für große Ideen als detaillierte Untersuchungen interessieren, dennoch ist es hilfreich, seine Kritik im Gedächtnis zu behalten, wenn Naturwissenschaft als höchste Instanz für die Probleme unserer Gesellschaft gesehen wird. Naturwissenschaft allein kann eben keine ethischen Maßstäbe setzen, wie Nasr richtig kritisiert; dafür braucht es die Religion(en) und/oder die Philosophie. Auch ist seine Warnung, den Gottesbezug in der modernen Gesellschaft nicht zu verlieren, hilfreich und wichtig. Auf der anderen Seite hilft die pragmatischere Herangehensweise von Malik und Taslaman, einen produktiven Umgang mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften zu finden.

Nasrs Vorwurf der Blasphemie und des Unglaubens an alle, die seiner konkreten Auslegung des Islam nicht folgen, wird der innerislamischen Vielfalt nicht gerecht. Darüber hinaus ließe sich an der Archetypenlehre vom theologischen Standpunkt her kritisieren, dass sie nur davon ausgeht, dass Gott die Arten kennt; wenn man dagegen davon ausgeht, dass Gott jedes einzelne Lebewesen kennt, spricht nichts dagegen, dass sich die jeweiligen einzelnen Lebewesen nach und nach von einer Art zu einer anderen Art entwickeln. Wenn man aber davon ausgeht, dass Gott alles in jedem Augenblick neu erschafft und jegliche scheinbare Kausalität in Wirklichkeit nur Korrelation ist, wie sowohl die Ashʿariten als auch Nasr argumentieren, verliert auch die Aufteilung in Arten ihren Sinn, weil die eine Ameise, um in Nasrs Bild zu bleiben, nichts mit der anderen Ameise zu tun hat und sogar dieselbe Ameise jetzt nichts mit der Ameise vor einer Minute.

Die von Nasr postulierte Abwärtsbewegung der menschlichen Geschichte steht im Widerspruch zu koranischen Aussagen, nach denen schon frühere Gesellschaften sündigten und die Gewohnheiten der Vorväter nicht den Maßstab des Handelns bilden sollten (den vielen Versen zu diesen beiden Themen steht nur ein Vers gegenüber (56:13), laut dem einige von den Früheren und wenige von den Späteren die höchsten Ränge des Paradieses erreichen werden).

Maliks und Taslamans Positionen sind aus der jeweiligen Perspektive schlüssig, wobei nicht alle Argumente gleich überzeugend sind. So könnte die ḫalīfa-Analogie von Adam und David auch so gedeutet werden, dass Gott den Fall Adams vorausgesehen und ihm die ḫalīfa-Rolle für seine Zeit danach zugedacht hatte; die Unkenntnis über das Material des Paradiesgartens schließt nicht aus, dass dort auch Schlamm vorhanden ist.

Maliks Stärke ist vor allem die systematische Bearbeitung seines Themas. Er legt alle Schritte dar, beschäftigt sich eingehender als die anderen Autoren mit dem tatsächlichen Inhalt der Evolutionstheorie, mit den verschiedenen Positionen innerhalb des muslimischen und christlichen Diskurses über die Evolutionstheorie und benennt klar die von ihm gemäß Ġazālī angelegten Maßstäbe. Es ist nachvollziehbar, wie er zu dem Ergebnis kommt, die Evolution der Pflanzen und Tiere sowie der meisten Menschen sei mit Ġazālīs Vorstellungen vereinbar, nicht aber die Erschaffung Adams. Dennoch bleibt sein Ergebnis m. M. unbefriedigend, da die unmittelbare Erschaffung eines Menschenpaares, nachdem die Menschheit sich bereits durch die Evolution entwickelt hat, sinnlos erscheint. Der aschʿaritische Einwand darauf wäre natürlich, dass Gottes Handeln nicht hinterfragt werden darf und Gott frei ist, das uns sinnvoll oder sinnlos erscheinende zu tun. Aus einer eher rationalistischen Perspektive überzeugt dies aber weniger.

Bei vielen eher traditionell orientierten Muslimen scheint Malik Türen zu öffnen, sich überhaupt wohlwollend mit der Evolutionstheorie auseinanderzusetzen. Geht man vom Koran als einzig verbindlicher Quelle des Islam aus, ist Taslamans Haltung des „theologischen Agnostizismus“, d.h. der Enthaltung von theologischen Urteilen über wissenschaftliche Fragen wie die der Evolution, aber überzeugender, solange die wissenschaftliche Theorie auf der beschreibenden Ebene bleibt.

Literatur

Malik, Shoaib Ahmed: Islam and Evolution: Al-Ghazālī and the Modern Evolutionary Paradigm. Abingdon: Routledge, 2021.
Nasr, Seyyed Hossein: Man and Nature. The Spiritual Crisis of Modern Man. London: Unwin Paperbacks, 1976 (1968).
Nasr, Seyyed Hossein: Knowledge and the Sacred. State University of New York Press, 1989.
Nasr, Seyyed Hossein: „On the Question of Biological Origins“. In: Islam & Science. 4.2 (Winter 2006): 181-197.
Taslaman, Caner: Darf ein Muslim die Evolutionstheorie akzeptieren? Übersetzt aus dem Türkischen von Memduh Turan.
https://www.canertaslaman.com/2020/05/05/darf-ein-muslim-die-evolutionstheorie-akzeptie/?lang=de

Rezension zu „Wo der Koran Anknüpfungspunkte für Gewalt bietet“

Frieden,

Gottergebene sehen sich in jüngster Zeit immer öfter mit Kritik gegenüber ihrem Glauben ausgesetzt, sei es in Talkshows, Zeitungsartikeln oder in sozialen Netzwerken. Oft stellt sich dabei heraus, dass es nicht um den Inhalt selbst geht, sondern viel eher um eine Polarisierung und pauschale Verurteilung, dass die Lesung Anknüpfungspunkte für Gewalt biete. Kontrahenten beider Seiten, Islamkritiker wie auch ihre meist traditionalistischen Gegner, sind eher um eine Deutungshoheit bemüht, als sich wirklich unabhängig und dementsprechend ergebnisoffen mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Dies hat zur Folge, dass man auf der einen Seite einen Islam zu verstehen bekommt, der beispielsweise angeblich Intoleranz und Angriffskriege toleriert und auf der anderen Seite eine Gottergebenheit, die davon nichts wissen will. In der Tat kann man beispielsweise aus der unerlaubten Vermengung von sunnitischer oder schiitischer Sekundärliteratur mit der Lesung für beide Standpunkte Quellen anführen und dementsprechend argumentieren. Dies kommt vor allem dadurch zustande, dass man die Lesung in ihrem Aufbau nicht korrekt berücksichtigt, indem man versucht sie mit anderen Quellen zu erklären, wo es doch Gott allein ist, der die Lesung erklärt.

 

Bietet die Lesung Anknüpfungspunkte für Gewalt?

Um diese Problematik besser zu veranschaulichen, wird ein Artikel von Abdel-Hakim Ourghi aus der Süddeutschen Zeitung namens Wo der Koran Anknüpfungspunkte für Gewalt bietet genauer unter die Lupe genommen, welcher mit bestimmten Versen zu belegen versucht, dass die Lesung Gewalt legitimiere. Der Autor leitet den Fachbereich Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Er schreibt:

 

Das Leben des Propheten und dessen religiöses und politisches Handeln kritisch zu hinterfragen, scheint ebenso tabu zu sein. Das Bild eines vollkommenen Lebens ohne Sünden muss aufrechterhalten werden und dient als ewig gültiges, gottgegebenes Vorbild.

 

In der Tat glauben nicht wenige traditionalistische Muslime, dass der Prophet unfehlbar sei. Es gibt jedoch auch nicht wenige Gottergebene, die dem widersprechen. Deswegen kann man so eine Argumentation nicht pauschal für alle geltend machen, wie dies im Zitat suggeriert wird. Viel wichtiger ist jedoch, dass der Prophet nur ein Mensch und Warner/Gesandter war (17:93) und dementsprechend nicht sündenlos sein kann (47:19; 48:2; 33:37).

 

Mohammed (570-632) war jedoch nicht nur der anerkannte Verkünder einer göttlichen Botschaft, sondern auch der weltliche Führer, der meisterlich die Macht des Wortes mit der Gewalt des Schwertes vereinte. Indem er sich auf autoritative Koranstellen bezog, griff Mohammed von 624 an in Medina gegen seine Widersacher zur Gewalt, etwa gegen arabische Heiden, Christen und Juden.

 

Es ist koranisch streng verboten Angriffskriege zu führen. Diese Behauptungen speist sich der Autor aus Sekundärquellen, die mindestens erst 150 Jahre nach dem Propheten niedergeschrieben wurden und deren Autoren den Propheten nie gesehen haben. Dazu kommt, dass Sirawerke stark voneinander abweichen und kein einheitliches Bild des Propheten überliefern. Selbst konservative Gelehrte sind bei Sirawerken vorsichtig. Dies alles spielt jedoch keine Rolle, wenn Gott diese Behauptung in der Lesung eindeutig verneint: Gott duldet keine weiteren Autoritäten oder Quellen (42:10, 6:114,115, 5:44,45,47, 18:26, 12:40, 16:89, 12:111, 5:3, 39:36, 7:3).

 

42:21 Oder haben sie etwa Partner, die ihnen eine Lebensordnung vorgeschrieben haben, die von Gott nicht verordnet wurde? Und wäre es nicht bis zum Urteilsspruch aufgeschoben worden, wäre zwischen ihnen schon gerichtet worden. Und gewiss, den Frevlern wird eine schmerzliche Strafe zuteil sein.

 

Der Autor führt nun den Vers 9:29 an, um zu belegen, dass Muhammad angeblich mit diesem Vers begründe, ab dem Jahre 624 „gegen arabische Heiden, Christen und Juden“ Gewalt zu legitimieren. Der Vers lautet:

 

9:29 Bekämpft diejenigen, die weder an Gott noch an den letzten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott verbot und sein Gesandter, und die nicht gemäß der Lebensordnung der Wahrheit richten unter denjenigen, denen die Schrift zukam

 

Es ist seltsam, wie der Autor das Jahr 624 ohne eine Primärquelle  eindeutig festlegen kann. Nebst dieser Tatsache ist erstaunlich, wie er diesen Vers so ohne weiteres einfach unkommentiert für seine Behauptungen in den Raum stellt. Die neunte Sure ist ein allgemeines Ultimatum an die Beigeseller (9:1). Diese Beigeseller werden in den darauf folgenden Versen unmissverständlich als die Aggressoren beschrieben (9:8 und 9:13). Aus dem unmittelbaren Kontext kann man die ableugnenden Schriftbesitzer in 9:29 den Beigesellern zuordnen. Nun könnte man aber argumentieren, dass dies allgemein, losgelöst vom Rest der Lesung die ableugnenden Schriftbesitzer meinen könne und man deswegen offensiv in den Krieg ziehen dürfe. Diese Behauptung ist jedoch schnell entkräftet, da die Schriftbesitzer (i.A. Juden und Christen) als Gläubige wie auch als Ableugner beschrieben werden (3:113). Deswegen können nicht alle Schriftbesitzer gemeint sein. Die Lesung liefert aber auch allgemeine, unmissverständliche Anordnungen zum Krieg:

 

60:8 Gott verbietet euch nicht, gegenüber denjenigen, die nicht gegen euch der Lebensordnung (Religion) wegen gekämpft und euch nicht aus euren Wohnstätten vertrieben haben, gütig zu sein und sie gerecht zu behandeln. Gewiss, Gott liebt die Gerechten.

 

Das bedeutet, wenn in 9:29 steht:

 

9:29 und nicht verbieten, was Gott verbot und sein Gesandter,

 

dies mindestens Vers 60:8 entsprochen, also eine Aggression stattgefunden haben muss. Die Verse 2:190-193 legen klar, dass ein Krieg nur als Verteidigung aufgefasst werden darf und man einen angebotenen Frieden annehmen muss (8:61). Darüber hinaus gilt das Paradigma:

 

2:256 Es gibt keinen Zwang im Glauben.

 

Deshalb ist der Ausdruck aus 9:29:

 

Bekämpft diejenigen, die weder an Gott noch an den letzten Tag glauben

 

… keinesfalls eine Begründung, gegen den Glauben der Schriftbesitzer vorzugehen. Der Vers beschreibt demzufolge nur eine ihrer Eigenschaften aus vielen. Im Anschluss führt der Autor Vers 9:33 an und schreibt:

 

In Vers 33 wird der Islam als wahre Religion bezeichnet. Gott werde der Gemeinde zum Sieg über alle Religionen verhelfen.

 

Der Vers in seiner Gänze:

 

9:33 Er ist es, der seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der Lebensordnung der Wahrheit sandte, um es über jede Lebensordnung hervorzuheben, auch wenn es die Beigeseller hassen.

 

Hier ist viel Interpretation möglich, ob dies eine Wahrheit beschreibt, die dann alle Religionen (Lebensordnungen) übertrumpfen wird oder ob dies nur den damaligen Umstand meint, denn ein Vers vorher steht:

 

9:32 Sie möchten Gottes Licht mit ihren Mündern auslöschen, Gott aber lehnt es ab, sondern vollendet sein Licht, auch wenn es die Ableugner hassen.

 

Es ist jedoch keinesfalls möglich, einen dauerhaften Kriegszustand zu beschreiben, bis „der Islam siegreich“ ist. Die Verse 2:256, 2:190-193 und 60:8 unterbinden so eine Interpretation kategorisch. Folgendermaßen geht es weiter:

 

Auch in der letzten offenbarten Sure 5, Vers 33, ist zu lesen: „Der Lohn derer, die gegen Gott und seinen Gesandten Krieg führen und überall im Land eifrig auf Unheil bedacht sind, soll darin bestehen, dass sie umgebracht oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen wechselweise (rechts und links) Hand und Fuß abgehauen wird, oder dass sie des Landes verwiesen werden.“

 

Dazu ein Artikel von unserer Schwesterseite, der diesen Vers schlüssig erklärt, wie auch eine weitere ausführlichere und auf der Lesung basierte Erläuterung durch Muhammad Asad (PDF auf Englisch, ab Seite 221). Diese beiden Quellen führen die Argumentation des Autors zum betreffenden Vers ad absurdum.

 

Die gesamte muslimische Koranexegese ist der Auffassung, dass sich der zweite Teil auf Juden und Christen bezieht. In Sure 2, Vers 120, werden sowohl Mohammed als auch die Muslime aufgefordert, Juden und Christen zu meiden.

 

Das ist jetzt überhaupt nicht nachvollziehbar. Was steht in 2:120 und was meint der Autor? Auch findet unmittelbar darauf (2:121) eine Differenzierung der Schriftbesitzer statt. Zudem ist der angebliche Konsens frei erfunden. Genannt sei dazu nur der sunnitische Theologe Professor Süleyman Ates (ehemaliger Vorsitzender der türkischen DITIB) als nur einer von vielen, die seiner These widersprechen. Überhaupt, koranisch gesehen darf man natürlich Juden und Christen zu Freunden nehmen, man darf sie sogar heiraten (5:5)! Vers 60:8 sei zu der Problematik nochmals veranschaulicht:

 

60:8 Gott verbietet euch nicht, gegenüber denjenigen, die nicht gegen euch der Religion wegen gekämpft und euch nicht aus euren Wohnstätten vertrieben haben, gütig zu sein und sie gerecht zu behandeln. Gewiß, Gott liebt die Gerechten. (siehe auch: 3:55, 3:113-114, 2:62, 5:69)

 

Dann ist folgendes zu lesen:

 

In Sure 3, Vers 85 ist zu lesen, dass keine andere Religion als Ersatz für den wahren Glauben an Gott dienen kann.

 

Eine Problematik ist hier nicht ersichtlich. Jedoch will der Autor damit suggerieren, dass man dies auf die „Gottergebenheit“ (Islam) beschränkt, wie aus dem weiteren Verlauf des Artikels erschlossen werden kann. Das Wort bedeutet jedoch nichts anderes als Ergebung (in Gott) und ist nicht nur auf die Lesung beschränkt. Auch andere Religionen haben ihre Legitimität laut der Lesung, sofern sie nach Gottes Richtlinien ausgelebt werden (2:62, 5:69; ausführlicher zu dieser Thematik in folgendem Artikel).

 

Bereits in Vers 19 derselben Sure wird mit Nachdruck betont, dass der Islam die einzig wahre Religion sei.

 

Warum wird „Islam“ hier nicht übersetzt? Der Autor macht denselben Fehler, den er doch vehement kritisieren will, den althergebrachten Traditionen zu folgen! Außerdem steht unmissverständlich in der Lesung, dass wir Gottergebene auch an die Tora und das Evangelium zu glauben haben, wie auch die Schriftbesitzer an ihre eigenen Bücher (5:43-48) und an die Lesung.

 

Die Umma (die Gemeinschaft der Muslime) wird sogar als die beste Gemeinschaft bezeichnet, die Gott den Menschen gestiftet habe (Koran 3:110).

 

Auch das ist so nicht richtig. Denn diese Gemeinschaft wird nur mit dem gläubigen Teil in Verbindung gebracht, wie man aus den vorherigen Versen entnehmen kann (Vers 3:102, insbesondere 3:104) und ist nur für die damalige Zeit relevant oder eben jene, welche es diesen Vordersten gleichtun. Denn in Vers 25:30 steht eindeutig, dass der Gesandte am Jüngsten Tag seine Gemeinschaft kritisiert, indem er beklagt:

 

25:30 Und der Gesandte sagt (am Jüngsten Tag): „O mein Herr, mein Volk hat diese Lesung verlassen!“

 

Es gibt zudem noch andere Verse, die Menschen kritisieren, welche sich als Gottergebene bezeichnen (9:90, 9:101). Nach all diesen haltlosen Argumentationen präsentiert der Autor schließlich seine Lösung:

 

… Die zwischen 622 und 632 in Medina verkündeten Koranpassagen müssen in ihrem historischen Kontext verstanden werden. Sie haben als historisch-politische Äußerungen nur eine temporäre Gültigkeit für das siebte Jahrhundert. …

 

Interessant bei dieser Aussage ist, wo man diesen historischen Kontext nun nachlesen kann? Diese Frage ist allein schon deswegen nicht beantwortbar, da keine einheitliche Quellenlage vorhanden ist, ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Bewertungen dieser Quellen, die von den einzelnen Gruppierungen abhängen. Aus der Lesung ist ein historischer Kontext nicht umfassend ableitbar. Über den oft angeführten magischen Zauberstab des „historischen Kontextes“ ist jedwede Interpretation möglich. Auch Fundamentalisten wollen die Lesung historisch verstehen durch verderbte Quellen im Sinne ihrer neben Gott gehaltenen Autoritäten, den Altvorderen, also den Menschen, die den Propheten kannten. Durch den angeblichen historischen Kontext, was nichts anderes bedeutet als die Offenbarung Gottes durch Sekundärliteratur zu vermengen, haben sich hunderte, voneinander unterscheidende Gruppen gebildet. Dies ist das Abbild der erwähnten Methodik in seiner Praxis. Dann schreibt der Autor weiter:

 

Es reicht aber nicht, die Offenbarung des Korans in ihrer historischen Entstehungssituation zu verstehen. Darüber hinaus muss auch eine Methode entwickelt werden, welche den Islam auf der Grundlage einer kritischen Reflexion von der Macht dieser umstrittenen Koranverse befreit.

 

Diese Argumentation ist nicht schlüssig. Wenn die Lesung sich in ihren Versen klar ausdrückt, kann man sie nicht einfach ignorieren. Wird die Lesung ohne Vermengung von Menschenschriften betrachtet, bleiben die im Artikel angeführten abenteuerlichen Interpretationen aus. Am Ende schreibt der Autor:

 

Meiner Meinung nach ist nur der in Mekka offenbarte Koran (610-622) zeitlos, weil er universell sinnstiftende Lehren im ethischen Sinne beinhaltet. Sowohl der in Medina (622-632) offenbarte Korantext als auch der historische Prophet als Staatsmann sind im Westen dringender denn je kritisch zu betrachten und revisionsbedürftig, sonst bleibt ein Islam, der mit den europäischen Werten vereinbar ist, ein Wunschtraum.

 

Die in der Lesung vorzufindenden Paradigmen und Lehren sind universell. Die Lesung muss nicht in Stücke gerissen werden, damit man die von Gott offenbarte Lebensordnung den europäischen Werten anpassen muss. Vielmehr ist es umgekehrt: Die Lesung ist die Richtschnur, weil sie das Wort Gottes ist. Sie führt zu einem aufrichtigeren Weg (17:9). Die europäischen Werte sind nicht das Maß aller Dinge und darüber hinaus auch nicht eindeutig definiert. Was sind die europäischen Werte denn genau? Mit seiner Aussage wird der Autor durch folgenden Vers angesprochen:

 

2:85 …Glaubt ihr denn an einen Teil der Schrift und verleugnet einen anderen? …

 

Eine vernunftorientierte Interpretation der Lesung ohne Widersprüche ist mit Leichtigkeit hergestellt, wenn man sich auf Gott alleine einstellt und die Lesung nicht mit menschlichen Meinungen aus der Tradition zu erklären versucht, die teilweise fälschlicherweise dem Propheten zugeschrieben wurden. Dazu sei nochmals angemerkt, dass sich die Sekundärquellen nicht nur öfters gegenseitig widersprechen, sondern widersprechen in vielen Punkten auch der Lesung.

 

15:91-93 Die die Lesung auseinandergerissen haben. Bei deinem Herrn! Wir werden sie allesamt zur Rechenschaft ziehen, für all ihre Taten.

 

Fazit

Die angeführten Verse des Autors sind nach seiner Art des Verständnisses, im Lichte der ganzen Lesung betrachtet, unhaltbar. Dies bedeutet jedoch nicht, dass manche Traditionalisten solch widersinnigen Interpretationen abgeneigt sind. Radikale Strömungen werden nur einen Teil seiner Argumente übernehmen und schließlich darin eine Legitimation für ihre eigene Ideologie herausfiltern, was der Autor allem Anschein nach ausblendet. Seine Methodik wird Fanatiker somit weiter befeuern, als sie zur Vernunft zu bringen. Das Argument, dass manche Verse heutzutage keine Geltung mehr hätten, führt zu Widersprüchen und zu keiner echten Lösung.

Eine vernunftorientierte Theologie in der Gottergebenheit kann sich nur dann etablieren, wenn man sich der Methodik anschließt, die Lesung losgelöst von Traditionen durch Gottes eigene Worte zu erklären (55:1-2, 25:33, 75:19). Andernfalls wird man, beispielsweise durch die angeführte „historisch kritische Methode“, nur Sekundärquellen durch weitere Sekundärquellen ersetzen. Somit wird die Lesung selbst weiterhin ein Spielball von individuellen Ansichten bleiben. Die kritischen Befunde Ourghis zum traditionalistischen Islam am Ende des Artikels sind größtenteils berechtigt, jedoch nur ein Teil des Problems. Seine Lösungsansätze sind nicht zielführend und in Bezug zur Lesung nicht tragbar.

Ein Anfang dieser vernunftorientierten Theologie der Gottergebenheit ist mit dieser Webseite und dem Buch Schlüssel zum Verständnis des Koran gemacht.

 

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